War es „widerlich“ – wie der Kritiker der Rhein-Neckar-Zeitung befand? War es „Schmiere“, wie einige Studenten in Zwischenrufen kundtaten? Berechtigte es, wütend „Pfui! Pfui!“ zu rufen, Türen zu schlagen und empört aus dem Parkett zu rauschen? Hatte Edwin Kuntz, wiederum in der Rhein-Neckar-Zeitung, recht, wenn er bibbernd konstatierte: „Mit der Art dieser Aufführung hat die Städtische Bühne mehr Scheiben eingeschmissen als alle Studenten zusammen“?

Fest steht, daß Heidelberg mit der Neuenfels-Inszenierung von Peter Tersons „Zicke Zacke“ einen recht handfesten Skandal provozierte, der – man kennt das – „sein Nachspiel“ haben wird. Fest steht aber auch, daß dieser Skandal vorher von niemandem gemutmaßt werden, konnte.

Denn „Zicke Zacke“, im englischen Original „Zigger Zagger“, ist ein typisches Jugendstück, im Auftrag des National Youth Theatre, London, geschrieben und von demselben unter anderem mit großem Erfolg in Berlin während der Festwochen gezeigt. Typisch an einem Jugendstück ist, daß es aufbauend, wegweisend, positiv gemeint ist. „Zicke Zacke“ zeigt einen jungen Mann, der am Anfang nur auf dem Fußballplatz hurra für seine Mannschaft schreit – und der am Ende doch, für die Gesellschaft abgerichtet, einen „anständigen Beruf ergreift“. „Zicke Zacke“ ist ein Stück, dessen Autor weiß, daß man eine solche Moral heute nur noch an den (jungen) Mann bringen kann, wenn man vorher in der Kritik ganz schön weit geht. Also zeigt er die Erwachsenen doof und spießig, also zeigt er den Militärarzt oder den Jugendpsychiater oberflächlich routiniert, also zeigt er das Ideal „Trautes Heim, Glück allein“ ziemlich spöttisch, also läßt er sogar einen modischen Pfarrer auftreten, der nach Gott mit der Wurst der Fußballbegeisterung wirft. Aber am Schluß, wie gesagt, ist alles gut: „Lernt einen anständigen Beruf, junge Leute, auch wenn die Erwachsenen, zugegeben, nicht immer das sind, was sie sein sollten!“

Der Skandal konnte also nur von der Inszenierung kommen. Hans Neuenfels hat sich (mit „Marat“, aber auch mit „Kiss me Kate“) einen Namen gemacht, indem er heftige Jugendlichkeit in schwungvolle Massenchoreographie übersetzte, indem er sein Ensemble massiv wirkungsvoll auf Rampe und Zuschauer losgehen ließ.

Dagegen wandte sich der SDS, der mißtrauisch vermutete, die aufbauende Wirkung des Stücks würde durch eine solche Regie den Leuten mit einem sinnverwirrenden und apolitischen Wirbel eingetrichtert werden.

Doch es kam anders. Neuenfels und Hans Georg Koch (musikalische Leitung) suchten nach deutschen Entsprechungen für eine enthemmte Fußballeidenschaft. Suchten und fanden sie im deutschen Liedgut. Und das zündete. Während die Melodie von „O Haupt voll Blut und Wunden“ ertönte, hörte das Publikum einen Text, der nur dem König Fußball huldigte. Da schrie man „Pfui“, da gingen die ersten.

Nach der Pause wurde es noch schlimmer. Erwähnter Geistlicher zelebrierte seine zu Gott führende Fußballmetaphorik als katholische Messe. Und da war kein Halten mehr. Als schließlich auch noch die Nationalhymne herhalten mußte, um den Text „Fußball, Fußball über alles“ zu tragen, war der Skandal perfekt.