Von Dieter Korp

Man weiß ja als Mädchen nie so genau, wann sich ein Freier einstellt, antwortete NSU-Pressechef Arthur Westrup auf meine Frage, ob man den NSU K 70 nur entwickelt habe, um den Preis der Braut höher zu schrauben.

Sehen Sie, fuhr Westrup fort, der K 70 wurde schon vor zweieinhalb Jahren begonnen, da war doch die Situation völlig anders.

Immerhin, der K 70 stellt eine wertvolle Mitgift dar, eine Morgengabe, bei der nicht nur einschlägigen Autokäufern, sondern auch interessierten Firmen das Wasser im Munde zusammenläuft. An dieser sportlich zugeschliffenen 90-PS-Limousine hängen Entwicklungskosten, die auf rund 60 Millionen Mark zu schätzen sind, nebst den bereits vorhandenen Fertigungseinrichtungen. Und das neue Modell repräsentiert die geistige Substanz einer Reihe höchst einfallsreicher Konstrukteure, die nicht nur den Ro 80, sondern jetzt auch den K 70 (K = Kolbenmotor) mit zahlreichen fortschrittlichen Details anreicherten –Seltenheiten in der geistig etwas erstarrten Welt deutscher Automobilkonstrukteure, zumal bei den Großen der Branche.

So war es denn kein Wunder, daß die Nachricht, der K 70 „müsse sterben“, um die Verhandlungen zwischen dem VW-Werk und NSU nicht zu stören, wie ein Geschoß einschlug. „Damit ein Auto wie der VW 411 weiter existieren kann!“ So kommentierten viele bissig diese Mitteilung.

Aber die Gefühle, die sich zugunsten von NSU reichlich regten, kann man sich ersparen. Nach meinen Informationen besteht kein Grund zu der Annahme, daß der K 70 ganz von der Bildfläche verschwindet. Zwar wurde die Premiere des Wagens am Vorabend des Genfer Autosalons, am 8. März, in einem eigens dafür gemieteten Pressezentrum am Ufer des Genfer Sees abgeblasen, aber die Entwicklungsabteilungen des schwäbischen Werkes arbeiten unverdrossen, wie das so ihre Art ist, weiter an ihrem K 70.

Erst die Hauptversammlung am 26. April wird endgültig darüber entscheiden, wie die weiteren Geschicke von Altmeister NSU verlaufen werden. Da kein Mehrheitsaktionär zu entdecken ist, wird man die Splitterparteien der Aktionäre erst überzeugen müssen. Doch scheint eines schon sicher: Das VW-Werk hat ein begehrliches Auge auf den K 70 geworfen.

Dem Wolfsburger Werk wird da ein fix und fertig gediehenes Projekt in den Schoß gelegt. Es ist denkbar, daß über dem zeitlos-schlichten Kühlergrill des K 70 dermaleinst das VW-Zeichen prangt. Bis es soweit ist, wird man wohl wenig vom K 70 hören, einfach deswegen, weil er vermutlich nie mehr K 70, heißen wird.

Aber abgesehen von diesen Aspekten wäre es unsinnig, eine Entwicklung wie die des K 70, völlig zu stoppen. Experten befinden über ihn, er liege noch besser auf der Straße als der Ro 80. Sein Ende würde dem Verkauf des Audi 100 gar dem des VW 411 nicht soviel nützen, wie man vielleicht denkt. Das Image dieser Wagen ist doch sehr verschieden. Der lachende Vierte wäre BMW: Der K 70 wäre ein direkter Rivale des BMW 2002 geworden. Der K 70 hätte mit seinem größeren Innenraum, mit der komfortableren Federung und nicht zuletzt vom Preis her (er war auf rund 9000 Mark angesetzt, der 2002 kostet rund 9500 Mark) diesem BMW, aber auch anderen Münchener Modellen das Leben auf dem Markt sehr erschwert. Einen solchen Pfeil im Köcher zerbricht man nicht. Man hebt ihn auf.

Warum – diese Frage liegt ganz vorn – mußte sich ein so potentes Mädchen wie NSU von zahlreichen Bewerbern betätscheln lassen? Immerhin unternahmen schon Fiat und Chrysler Annäherungsversuche, und auch den englischen Rootes-Konzern sah man schon im Hausflur stehen. Der Auftragsbestand ist gut, das Programm wird zusehends kompletter, das technische Niveau ist hoch, und das Werk besitzt – zusammen mit der Wankel GmbH – die Rechte am Kreiskolbenmotor, an dem zahlreiche wohlfundierte Lizenznehmer hängen.

An der Rendite läßt sich die Tragik ablesen: Die Dividende betrug 1967 nur sechs Prozent und dürfte auch für 1968 kaum höher werden. Jene des VW-Werkes wird vermutlich 20 Prozent übersteigen. Mit nur rund 600 produzierten Einheiten am Tag ist nach Ansicht profilierter NSU-Angehöriger keine höhere Rentabilität möglich, zumal sich diese Stückzahl aus unterschiedlichen Modellen zusammensetzt. 1000 Autos je Arbeitstag wären mindestens nötig, um auf alle Freier pfeifen zu können.

In dieser scharf kalkulierenden Branche erscheint daher der Anschluß von NSU an einen Großen unausweichlich.

Im Neckarsulmer Werk ist die Stimmung nicht einheitlich. Während man sich im großen und ganzen mit einem Anschluß abzufinden scheint, nicht zuletzt im Interesse gesicherter Arbeitsplätze, ist man in höheren Etagen zwiespältiger Stimmung. Änderungen in der Geschäftsleitung erscheinen unvermeidlich, der Vorstand wird durch Geschäftsführer abgelöst werden müssen.

Als Außenstehender darf man eine Stärkung der Position deutscher Autohersteller begrüßen, vorausgesetzt, daß der spezielle Fall VW-NSU nicht zu einer Nivellierung technischer Ansprüche führt. Da aber auch die VW-Tochter Auto-Union GmbH weitgehend ihre technische Selbständigkeit behalten konnte – vermutlich deswegen, weil man das VW-Programm abrundete – neigt man auch bezüglich NSU zum Optimismus.

Möglicherweise wird aus dem von der Auto-Union und NSU gebildeten neuen Firmenverband eine neue Generation von Kleinwagen bis zu rund 1 Liter Hubraum hervorgehen. Hier herrscht ja zur Freude italienischer und französischer Importeure eine klaffende Lücke. NSU, wie man hört, hat, als Nachfolger für die derzeitigen und schon etwas ältlichen Modelle der Prinz-4-, 1000- und 1200-Reihe, schon weitgediehene Entwürfe in der Schublade. Nach der Entwicklung des Ro 80 und des K 70 wäre, wie aus dem Werk zu vernehmen ist, die Erneuerung dieser kleinen Klasse die nächste Station gewesen.

Zwar erwartet man bei der Auto-Union ein neues Kleines – einen kleinen Auch –, aber es sollte möglich sein, hier für die rechte Synchronisation zu sorgen. Je kleiner der Wagen, so wissen Experten, um so mehr Geld braucht man, um ihn reif zu machen, und um so weniger Geld verdient man mit ihm. Nicht zuletzt das war das Schicksal von NSU. Vielleicht könnte unter diesen neuen Vorzeichen das große Geld für einen kleinen deutschen Wagen gefunden werden.