Hamburg

Als Leiter einer Bücherstube / Erscheint er uns beinah’ zu gut; / Als etwas peinlich blonder Bube / Entschuldigt ihn der Name Jud. So befand Axel von Ambesser einmal, als besagter Jud wirklich noch ein „etwas peinlich blonder Bube“ war. Lang’ ist’s her. Felix Jud, ein Jahr älter als unser Jahrhundert, ist mittlerweile kräftig ergraut. Als ich ihn das erstemal sah, trug er sich vorzugsweise geschoren. Nicht eben freiwillig, aber doch mit einem gewissen Stolz, zu dem sich sein Humor und sein Charme unter der Kahlköpfigkeit verdichtet hatten. Das war im Sommer 1944, als er gerade, von der Sonne rot gebräunt, gut um die Hälfte seines ohnehin leichten Gewichts gebracht, aus dem Konzentrationslager Neuengamme „heimkehrte“ nach Fuhlsbüttel, dem „Schwesterlager“, wie die Gestapo zu sagen beliebte.

Es war ein heißer Tag, gegen dessen Neige plötzlich die Tür des Saales aufgeschlossen wurde, auf dem wir zu siebzig, zuweilen bis zu hundert und mehr Häftlingen lagen, und kaum daß sie wieder verschlossen worden war, packten einige „Alteingesessene“ einen der „Heimkehrer“ bei Armen und Beinen und hoben ihn auf ihre schmalen Schultern. Der da oben saß, noch magerer als die, die ihn trugen, war Felix Jud. Wie ein König wurde er empfangen von den Franzosen, Holländern, Dänen und Deutschen, die wie wir in diesem Saale eingesperrt waren, und viel hätte nicht gefehlt, wir hätten alle Vorsicht dahinfahren lassen und lauthals „Vivat Felice!“ gerufen.

Mancher unter den Älteren in Hamburg mag sich noch der Collage erinnern, die eines Tages der dreißiger Jahre im Schaufenster einer Buchhandlung in den Colonnaden hing: Unter dem alten Slogan „Persil bleibt Persil“ klebte ein Bild Felix Juds im Konfirmationsanzug, unter dem in gotischen Lettern stand: „Jud bleibt Jud.“ Und es muß just zu der Zeit gewesen sein, als Felix Jud, Fritz Ullstein und beider Freund Bobby Thele die Idee verwarfen, sich eine gemeinsame Wohnung zu mieten. Verwarfen warum? Es würde nicht gutgehen, meinte Fritz Ullstein, den Koffer zur Emigration nach England schon halb gepackt, denn: „Einer ist einer, einer sieht so aus und einer heißt so.“

Felix Jud ist keiner. Aber er ist wohl der einzige Deutsche, dem die hohe Ehre des „Pour le semite“ zuteil wurde und das lange vor seiner Inhaftnahme. Da jedermann in Deutschland seine Gesinnung am Rockaufschlag zu tragen pflegte, trug Felix Jud, um nicht unnötigerweise aufzufallen, einen Halma-Stein im Knopfloch – den „Pour le semite“. Ja, eine Sonderklasse wurde eigens für ihn angefertigt, dezent, in Schwarzweiß gehalten, zum Frack zu tragen.

Aber Jud machte nicht nur Jux, er machte ernst, wenn es den bedrohten Mitbürgern zu helfen galt. Er stand den Verfolgten bei, verhalf einigen sogar zur Ausreise, half ihnen, solange er selbst ihnen helfen konnte. Am 18. Dezember 1943 verhaftete die Gestapo den politisch so anstößigen wie gewitzten Buchhändler und überantwortete ihn dem Volksgerichtshof. Nicht seiner kleinen Resistenzen wegen sondern, wie Willy Haas einmal schrieb, weil er „den Duft der Weißen Rose gerochen“ hatte.

Felix Jud war – gewissermaßen über und unter den Ladentisch seiner Buchhandlung hinweg – mit dem Hamburger Zweig des Geschwister-Scholl-Kreises in Verbindung gekommen. Zu denen, die 1942/43 in München die Tat der Weißen Rose begingen, gehörte der Buchhändler Joseph Söhngen. Zu denen, die diese Tat in Hamburg fortsetzten, gehörte der Buchhändler Felix Jud. Nach seiner Verhaftung saß er in Konzentrationslagern und im Gefängnis ein. Noch am 19. April 1945 verurteilte der Volksgerichtshof ihn wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu vier Jahren Zuchthaus. Erst als die Engländer die Hansestadt vom Nationalsozialismus befreiten, erlangte auch Felix Jud seine Freiheit.