ARD, Donnerstag, 6. März: "Fragestunde", Fernsehspiel von Wolfgang Menge

Wolfgang Menge hat sich mit vielen anderen Mitbürgern offenkundig über die pflaumenweichen Reaktionen der sogenannten westlichen Welt auf den faschistischen Staatsstreich in Griechenland geärgert. Dieser Ärger, in das Fernsehspiel "Fragestunde" eingebracht, nahm sich leider routiniert, oberflächlich und ein wenig klein-moritzhaft aus. Der Schein der Realität, den Menge zu fassen suchte, blieb äußerlich: Auf das Wirklichkeitsempfinden des Zuschauers wurde spekuliert, indem das Stück zwar nicht von Griechenland, sondern von "Attica" sprach, und nicht von Athen, sondern von "Argos", sich die Herren Gaus und Müggenburg aber direkt von der Fernsehwelt auslieh; sie beklagten und befragten die politische Realität, wie man es von ihnen auch sonst gewohnt ist. Daß es diesmal fiktiv geschah, gab dem Spiel nicht etwa mehr reale Substanz, sondern enthüllte – umgekehrt – unfreiwillig den fiktiven Charakter politischer Magazinsendungen im Fernsehen.

Der treue Hirthe, der hier aus Argos zurückkehrt, wo er als urlaubnehmender MdB vom Staatsstreich überrascht wurde, gerät alsbald in das Schillersche Schema von Neigung und Pflicht. Er möchte die Wahrheit in die Welt hinaustrompeten, möchte die Bundesregierung zu wirksamen Sanktionen bewegen – doch die Bonner Verhältnisse, sie sind nicht so. Da gibt es NATO-Rücksichten und wirtschaftliche Überlegungen, da kunkeln die Gewerkschaften, und da hat der Preis für Landwirtschaftsprodukte der EWG Vorrang vor den Überlegungen, ob man schweigen könne, wenn die Demokratie in einem NATO-Partnerland außer Kraft gesetzt wird.

Menge muß mit seinem Helden Hirthe eigener lich dauernd fünfe grade sein lassen. So zum Beispiel, wenn er den Urlaubsaugenschein für eine so ungeheuer bedeutende Waffe hält, für die ganz Bonn aufgeboten werden muß, um sie zu entschärfen. So, wenn er meint, das Fernsehinterview der heftigen Worte Hirthes würde wirklich als etwas anderes beurteilt werden als die übrigen papiernen Proteste und Gratisakte.

Aber vor allem bringt sich das Spiel mit Oberflächenreizen aus der Bonner Szene, wo man, in Kleinkram erstickend, nicht zu prinzipiellen Fragen vordringt, um das eigentlich brisante Thema: daß nämlich Griechenlands Offiziere nicht nur auf Interessen und Routine gebettet werden, sobald ihr Putsch als diplomatische Angelegenheit in westlichen Hauptstädten behandelt werden muß, sondern auch auf viel geheime Sympathie, die zu den Schlagworten "law and order" geführt hat. Fast schien es, als müsse MdB Hirthe sich deshalb so rastlos durch die Bonner Bürokratenmühle drehen lassen, damit weder er noch sein Autor noch der Zuschauer der Unheimlichkeit tieferer Ursachen sich auch nur indirekt bewußt werden konnten – Ursachen, die jetzt in den Reaktionen auf das Heinemann-Interview deutlich und beklemmend zum Vorschein kamen.

So blieb der Eindruck der Routine und damit eigentlich des gutgemeinten Mißbrauchs der politischen Realität: bei Menge, der zu ahnen schien, daß man aufbegehrende Streitgespräche zwischen Hirthe und "Bonn" auf wechselnden Schauplätzen stattfinden lassen muß, um den Zuschauer nicht zu ermüden. Beim Regisseur Tom Toelle, der am Schluß seine aalglatte Wirklichkeitstreue durch einen Hirthe-Gang in einen symbolisch verdunkelten Korridor vertiefte. Und auch bei Hans Korte, der den Abgeordnetenalltag ebensogut geölt leisten konnte wie die Empörung über Argos. Hellmuth Karasek