Wie man den Charakter des Dr. V. umgekrempelt hat – Eine Warnung vor den Methoden der Entpersönlichung

Von Ivo Planava

Es gibt zwei Möglichkeiten, in einen Zustand der Apathie zu geraten und den Glauben daran zu verlieren, daß Handeln einen Sinn hat: Entweder geschieht das durch einen plötzlichen seelischen Zusammenbruch oder in einem langsamen Prozeß der Selbstaufgabe. Der Zusammenbruch durch einen Schock ist ziemlich selten, denn der plötzliche Druck setzt automatisch einen Abwehrmechanismus in Gang; abgesehen davon ist sich jeder Mensch dessen bewußt, daß er bedroht ist, und das festigt seine Widerstandsfähigkeit.

Allmähliche Veränderungen seiner selbst bemerkt der Mensch selten bewußt, am wenigsten dann, wenn in seiner Umgebung ähnlich bedrängte Menschen leben. Am Ende eines solchen Prozesses stehen eine Anzahl von isolierten Individuen, die nicht mehr fähig sind, bewußt Entscheidungen zu treffen und Ziele anzustreben, die über den täglichen Broterwerb hinausgehen. Meist sind es oberflächlich reagierende Menschen, die sich allem und jedem anpassen; es sind leicht manipulierbare Menschen, also innerlich unfreie.

Die Freiheit des Bürgers besteht zum einen in der Möglichkeit zu wählen und zweitens in der Fähigkeit, wählen zu können, das heißt: in der Fähigkeit und einem ständigen Bedürfnis, alle Situationen zu beurteilen und danach zu handeln. Die Möglichkeit zu wählen wird vor allem durch die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt; die Fähigkeit zu wählen hingegen ist eher subjektiv.

Mit gefesselten Händen

Wenn ein Machtsystem es seinen Bürgern verwehrt, sich nach ihren Ansichten frei zu gruppieren, vor allem, wenn es nicht zuläßt, sinnvoll unter Personen und Programmen zu wählen, bedeutet das noch nicht, daß die Bürger automatisch auch die Fähigkeit zu urteilen und zu handeln – oder mit Absicht nicht zu handeln – verlieren. In einer Gesellschaft, wo die Freiheit nach außen hin. unterdrückt wird, aber eine relative innere Freiheit vorhanden ist, wachsen Unzufriedenheit, Spannung und Aggression – etwas, das das ganze System der äußerlichen Unfreiheit ständig gefährdet. Jeder moderne Usurpator weiß genau, daß es verhältnismäßig anstrengend und vor allem sehr gefährlich ist, längere Zeit nur mit Hilfe von Bajonetten zu regieren.

Das gilt keineswegs nur für die Beherrschten, weswegen sich Machthaber jeder Provenienz darum bemühen, den Menschen mit psychologischen Methoden allmählich auch die innere Freiheit – nämlich die Freiheit der Gedanken – zu nehmen. Das kann von Einzelfall zu Einzelfall geschehen – oder auch massenhaft. Typisches Beispiel einer individuellen „Umerziehung“ ist der „Fall des Dr. V.“

Als Doktor V. eines Nachmittags durch die Straßen von Schanghai spazierte, umringten ihn fünf Männer, und ein Bewaffneter sagte: „Wir sind die Vertreter der Regierung und des Volkes – Sie sind verhaftet.“ So begann einer der vielen Prozesse gegen Spione und Feinde des Volkes, die sich zu unglaublichen Verbrechen bekannten und sich mit pathologischer, flagellantischer Selbsterniedrigung oft auch noch für die „gerechten“ Todesurteile oder für langjährige Zuchthausstrafen bedankten.

Doktor V. wurde in eine kleine Zelle geführt, in der auch schon Häftlinge saßen. Er mußte sich auf den Boden setzen, dann beschuldigten ihn seine Mithäftlinge, die bereits auf höhere Stufen der „Umerziehung“ versetzt waren, er sei ein Verbrecher und ein Agent des Imperialismus; alles dies müsse er rückhaltlos bekennen.

Einige Stunden später wurde Doktor V. zum Verhör geführt. Das Verhör begann mit der vagen Beschuldigung: „Sie begingen ein Verbrechen gegen das Volk. Die Regierung ist im Besitz aller Beweise. Gestehen Sie!“ Als der Beschuldigte sich dagegen verwahrte, sagte der Untersuchende: „Sie sind schuldig, weil unsere Regierung niemals einen unschuldigen Menschen verhaftet.“ Es folgten Fragen über die Vergangenheit des Doktors, von Spionage wurde nicht mehr gesprochen.

So erzählte Doktor V. erleichtert aus seiner ärztlichen Praxis. Er gab dadurch eine Reihe von Informationen preis, die später zu einem wichtigen Teil seines „Bekenntnisses“ wurden. Nach einigen Stunden wurde wieder das Thema feindlicher Tätigkeit berührt. Als Doktor V. aufs neue behauptete, er sei unschuldig, erzürnte sich der Untersuchende und befahl, den Angeklagten zu binden und in die Zelle abzuführen. Tag und Nacht blieben Doktor V. die Hände gefesselt, auch beim Essen und beim Trinken, und niemand durfte und niemand wollte ihm helfen.

Nach einigen Tagen setzte sich im Gehirn des Arztes ein einziger Gedanke fest: „Irgendwie muß ich die Fesseln loswerden.“ Eines Nachts begann er, sein „Bekenntnis“ herauszusprudeln, hoffend, nun von den Fesseln befreit zu werden. Er irrte sich. Der Untersuchende wandte unzufrieden ein, das Bekenntnis sei zu allgemein. Einzelheiten fehlten oder divergierten voneinander.

Der Druck auf Doktor V. wurde fortgesetzt, und er begann, Details zu erfinden. Sobald er von seiner „Schuld“ sprach, wurden ihm die Fesseln abgenommen; in dem Moment, wo er zu schwanken begann, wurde er aufs neue gefesselt. Ungereimtheiten schwanden allmählich, und es entstand ein in sich logisches Geflecht aus Lügen, Halbwahrheiten und Wahrheiten.

Bald vollzog sich eine interessante und grundsätzliche Wandlung. Bis zu dieser Zeit hatte der Arzt noch eine Distanz zu seinen „Bekenntnissen“; er war sich dessen bewußt, nichts verbrochen zu haben. Doch nun erwartete man von ihm außer den „Fakten“ auch noch deren Beurteilung: Er sollte seine Verbrechen vom Standpunkt des „arbeitenden Volkes“ aus beurteilen. Als er dies nur andeutungsweise zugab, änderte sich seine Situation radikal: Man nahm ihm die Fesseln ab, bei den Verhören durfte er bequem sitzen, der Untersuchende teilte ihm das Bedauern der Regierung darüber mit, daß er bis zu dieser Zeit unter so drückenden Verhältnissen im Gefängnis habe leben müssen. Sobald er jedoch schwankte, wurden ihm neuerlich die Fesseln angelegt, zwei, drei Tage lang.

Nun fing die systematische Schulung an. Sie dauerte täglich zehn bis sechzehn Stunden. Der Zellenälteste las aus Zeitungen, Broschüren vor und rezitierte Zitate von Mao-Tse-tung. Die Häftlinge mußten darüber diskutieren; das bedeutete Wiederholung, Auswertung und begeisterte Zustimmung. Doktor V. tat dies anfangs mechanisch; doch mit der Zeit dachte er genau wie die Zeitungen und wie seine „entwickelteren“ Mitschüler.

Diskutiert wurde auch über das Benehmen der Häftlinge: Wenn Doktor V. beispielsweise sein Essen nicht aufaß, wurde er beschuldigt, das Geld der arbeitenden Klasse zu vergeuden; trank er zuviel Wasser, wurde ihm gesagt, er sauge das Blut der Arbeitenden; wenn er sich beim Schlafen ausbreitete, war das ein Beweis seiner imperialistischen Aggression.

Nach einjähriger Schulung wiederholten sich lange Serien von Verhören, bei denen am „Bekenntnis“ geschliffen wurde. Jetzt gab Doktor V. auch zu, ein Verbrecher zu sein. Nach einiger Zeit wurde ihm mitgeteilt, sein Benehmen und seine Ansichten hätten sich schon bedeutend gebessert. Er nahm es dankbar zur Kenntnis. Am Ende der dreijährigen Umerziehung führte man den Häftling vor den sogenannten Richter. Er verurteilte Doktor V. zu drei Jahren Zuchthaus wegen Verbrechen am Volke. Der Fall wurde mit der überzeugenden Loyalitätserklärung des Doktors veröffentlicht.

Kurz nach seiner Freilassung kam Doktor V. mit einem britischen Schiff nach Hongkong. Seine Hafterlebnisse erzählte er dem amerikanischen Psychiater Dr. Lifton, der den Fall publizierte.

Nach einer Zusammenstellung von Aussagen anderer Häftlinge, Gefangener aus dem koreanischen Kriege, Flüchtlinge in Westberlin und mancher anderer Informationen ist es möglich, einige Prinzipien der Gehirnwäsche zu beschreiben.

Der zerstörende Schock

Damit die individuelle Gehirnwäsche überhaupt begonnen werden kann, muß die entsprechende Atmosphäre hergestellt werden: Dem Bürger müssen menschliche Grundrechte entzogen werden; er muß dabei das volle Bewußtsein haben oder ahnen, daß es im Staate eine aktive Organisation gibt, gegen die man sich legal nicht wehren kann. Diese Aufgabe erfüllt etwa seit dem 19. Jahrhundert die Geheimpolizei. Ob diese Institution allmächtig oder nur mächtig ist – sie bleibt eine Institution, vor der man sich fürchten muß, egal ob man ein reines oder ein unreines Gewissen hat.

Die Verfahren der „Gehirnwäsche“ dauern verschieden lange, je nach der individuellen Widerstandskraft. Sie werden auch miteinander vermischt angewendet. Zuerst wird mit einer einmaligen überraschenden Aktion die reine Existenz des Menschen gefährdet. Man gibt ihm zu verstehen, er werde nicht mehr lange leben. Die destruktive Wirkung des Schocks wird verbunden mit der völligen Isolierung des Menschen. Schon in dieser Phase kann man dem Opfer zu verstehen geben, daß es unter gewissen Umständen doch eine Möglichkeit zu überleben gibt.

Ziel der zweiten Stufe der „Gehirnwäsche“ ist es, ein Gefühl nicht näher definierbarer Schuld zu züchten: „Irgendeinen Fehler muß ich doch gemacht haben.“. Im nächsten Stadium liefert man dem Opfer entsprechende Informationen. Es kann sich beispielsweise um bewußt verdrehte Äußerungen des Angeklagten handeln oder um gefälschte Dokumente. In den meisten Fällen präsentiert man überzeugende Nachrichten darüber, daß seine Freunde und Familienangehörigen ihn denunziert haben.

Man rechnet mit der psychologisch richtigen Voraussetzung, daß ein Mensch, den alle verlassen und verraten haben, viel leichter zum Verrat neigt und weniger immun gegen Beeinflussungen ist. Im nächsten Stadium versucht man, ihm direkt oder indirekt den Gedanken zu suggerieren: „Nur der, der sich ändert und einwandfrei mitarbeitet, kann überleben.“ Die unbestimmte Hoffnung, die die Gefängniswärter kurz nach der Verhaftung weckten, ist damit spezifiziert, gleichzeitig wird das unbestimmte Schuldgefühl „kanalisiert“.

Es geht um einen langsamen Aufbau von Paranoia und selbstanklägerischen Vorstellungen. Oft wird an den gesunden Menschenverstand appelliert und „Anpassung an die Realität“ als einziger Ausweg empfohlen.

Modernere totalitäre Regime bedürfen nicht der Massenzustimmung und Begeisterung; sie rechnen vielmehr mit der Gleichgültigkeit und dem stumpfen Gehorsam der breiteren Schichten. Auch die „Gehirnwäsche“ der Massen setzt eine gewisse Atmosphäre von Skepsis, Unsicherheit (auch ökonomische) voraus. Wichtig ist aber, daß von Zeit zu Zeit eine nebelhafte, an viele Bedingungen geheftete Hoffnung präsentiert wird – zusammen mit „realen“ Perspektiven. Unsicherheit, Angst und Pessimismus können nicht absolut sein; es ist nicht zweckmäßig, das Gefühl hervorzurufen, daß „man nichts zu verlieren hat“ und daß es jetzt um alles geht. In solch einer Situation entwickelt sich im Gegenteil unter den Bedrohten ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und die Bereitschaft, Widerstand gegen die Willkür zu riskieren.

Bei individueller. „Umerziehung“ werden sämtliche Kontakte verhindert; bei massenweisem „Brainwashing“ geht es vor-allem um die Zersetzung der Kommunikationsstruktur. Als Ausgangspunkt dient erstens: Für eine richtige Beurteilung und Entscheidung muß der Mensch ein optimales Maß an objektiven Informationen bekommen; zweitens integriert die zwischenmenschliche Kommunikation den Menschen in eine Gruppe oder in die ganze Gesellschaft.

Dies ist dann eine Quelle des Widerstandes gegen jeden Druck. Deshalb ist es vorteilhaft, das Kommunikationssystem schnell zu zersetzen, damit die Menschen nicht nur desinformiert sind, sondern auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit verlieren.

In modernen Gesellschaften will man vor allem die Funktion der Massenmedien stören, mit unauffälliger, doch allmählich sich verschärfender Zensur. Das führt in eine Situation, in der die Zensur überflüssig wird: Die monopolisierten Massenmedien, werden von ausreichend „umerzogenen“ Angestellten beherrscht. Wenn sich Führer mancher totalitärer Regime rühmen, keine Zensur zu brauchen, ist ihr Stolz von diesem Standpunkt aus gesehen berechtigt.

Bei konsequenter „Umerziehung“ wird auch die Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit gestört, genauer gesagt: zwischen der humanistischen Tradition der Gesellschaft und ihrem zeitgenössischen Bewußtsein. In der Geschichte jeden Volkes gab es Kämpfe um die äußere oder innere Freiheit. Der Versuch, die Geschichte „gleichzuschalten“, – manche ihrer Seiten auszuradieren und damit das Ideal eines „ferngelenkten“, aus dem historischen nationalen Zusammenhang gelösten Wesens zu realisieren, ist ganz logisch.

Damit im Zusammenhang steht auch das Bemühen der „Gehirnreiniger“, natürlich entstandene soziale Strukturen zu stören, also Familien und Freundschaften, von Interessen und Berufen bestimmte Gruppierungen aufzulösen. So wird das Opfer weich gemacht.

Weil Familienbande widerstandskräftiger sind, beginnt man am Arbeitsplatz. Da ist der Mensch vom System der Regierung und den Entschlüssen der Mächtigen, direkt abhängig. Es ist vorteilhaft, sich vor allem auf die Leute zu konzentrieren, die auf irgendeine Art kompromittiert sind, entweder weil sie etwas auf dem Gewissen haben oder weil sie keine anständige Arbeit leisten.

Solchen Leuten macht man klar, daß sie ihre Arbeit nur fortsetzen können, wenn sie gewissen Anweisungen folgen, zum Beispiel, wenn sie Informationen über weniger konforme Mitarbeiter sammeln. Es gibt viele Möglichkeiten, eine Gruppe zu zersetzen. Man kann Unsicherheit erzeugen, indem man Leute ständig versetzt, man kann Leuten grundlos kündigen, man kann die Eifrigsten und Untauglichsten befördern.

Die „Gehirnwäsche“ ist eine langwierige Prozedur. Es wird auch mit dem Müdewerden der Menschen gerechnet, mit ihrem Selbsterhaltungstrieb und dem Bedürfnis, irgendwie über die schlechten Zeiten hinwegzukommen. Zur Befriedigung dieser Bedürfnisse unter diesen Umständen muß der Mensch wie ein Radargerät reagieren, muß ausweichen, sich drehen und wenden, sich „tot“ und dumm stellen, kurz: sich selbst deformieren, wie es die krummen Verhältnisse verlangen. Das alles erschöpft nicht nur seine Energie, es mündet obendrein in Unkonzentriertheit und in die Unfähigkeit, zielbewußt zu arbeiten.

Ein noch so desinformierter Mensch, ja gerade er, braucht und sucht verzweifelt eine relative Sicherheit, um überleben zu können. Die Usurpatoren der Macht versuchen ihn zu beruhigen, doch das einzige, was sie bieten können, ist eine relative Sicherheit: Wenn du uns anerkennst und loyal unsere Instruktionen ausführst, brauchst du nichts zu fürchten.

Dies ist natürlich bloß eine Illusion der Sicherheit. Entweder läßt sich das Individuum ganz konsequent manipulieren (halbe Freiheit ist für längere Zeit unmöglich), oder es wird selber zum aktiven Träger der Unterdrückung.

Im ersten Fall gerät es in kürzester Zeit in einen Konflikt mit sich selbst (weil man das natürliche Bedürfnis des Menschen, sich zu engagieren und sich selbst zu verwirklichen, nicht unterdrücken kann).

Im anderen Falle, in dem das Individuum zum Träger der Gewalt wurde, ist das Gefühl der Sicherheit ebenfalls bedroht, weil es früher oder später unvermeidlich und unbarmherzig mit denen in Streit gerät, die mit ihm im gleichen Boot sitzen.

„Brainwashing“ will dem Menschen seine Würde nehmen, egal ob hinter Gittern oder „bloß“ hinter dem Drahtverhau der Grenzen. Menschenwürde, also das Bewußtsein vom eigenen Wert, vom Primat seines Verstandes über sein Handeln, ergibt sich nicht nur aus dem Bewußtsein, wo sich der Mensch befindet, in welchen Verhältnissen er lebt, sondern vor allem auch daraus, welche Werte er der gegebenen „Realität“ zum Trotz erstrebt. Verläßt sich „Brainwashing“ auf Angst und Unsicherheit, dann sollte sich das Opfer von Angst und Unsicherheit nicht paralysieren lassen. Diese menschlichen Regungen werden ja erst dann unmenschlich, wenn wir unter deren Diktat handeln.

Druck und Gegendruck

Wenn die „Gehirnwäscher“ darauf bauen, die Kommunikation zwischen den Menschen zu zerstören, bemühen sie sich vergeblich. Selbstverständlich können wir uns vorstellen, daß aus den Massenmedien Institutionen werden, die Informationen verhindern. Doch kann man es sich schwer vorstellen, daß ein intelligenter Mensch die Nichtinformation für eine Quelle der Information hält.

Zwar führt der Weg zur inneren Unfreiheit auch über die Zersetzung des Verhältnisses zur humanistischen Tradition einer nationalen Gemeinschaft, doch ist schwer vorstellbar, daß es eine Kraft gibt, die einem gebildeten und durch seine Vergangenheit gut trainierten Volke seine Geschichte nehmen könnte oder dessen humanistischen Sinn. Je intensiver die Bindungen des einzelnen zu anderen Menschen mit ähnlichen Einstellungen sind, desto besser widerstehen er und die ganzen Gruppen dem destruktiven Druck.

Es wäre naiv, sich damit zu trösten, daß die Kräfte, die den Menschen die Freiheit zu nehmen versuchen, dumm oder schwach seien. Beide Seiten haben in diesem Kampf ihre Erfahrungen. Als wäre jede ein Sisyphos, wälzen sie ganze Jahrhunderte lang ihre Felsblöcke über die Wege der historischen Kämpfe. Einmal siegt der eine, ein andermal der andere; doch keiner wurde bisher ein für allemal besiegt. Auch in der Zeit der Niederlagen müssen die beiden immer wieder aufs neue miteinander ringen – und beide stählen dabei ihre Muskeln, beide „spielen auf Ausdauer“ und erwarten die Ermüdung und Depression des Gegners. Eben das ist der tiefe Sinn, sich vom Felsblock weder zerquetschen noch deformieren zu lassen. Nicht um zu überleben, sondern um die Fähigkeit zu bewahren, frei zu sein, weil wir es nur so wieder sein können.

Der Autor Dr. Ivo Planava, 1934 in Brünn geboren, war Psychiater an einem Krankenhaus, danach Wissenschafts-Redakteur. Seit zwei Jahren ist er Dozent an der Universität Brünn. Seinen zuerst in der tschechoslowakischen Literaturzeitung „Listy“ erschienenen Artikel hat Eva Gabányi ins Deutsche übertragen.