„Pravda“, von Guy Peellaert. Eine höchst ungemütliche Person, diese straffe, glatte Schönheit mit der grellroten Haarwoge um das harte, düster-kahle Gesicht und knappem schwarz-blauen Leder um die nackten Sexsignale. So jagt sie, Teufelsbraut und Coca-Cola-Engel, auf ihrem Monstermotorrad durch die knallbunten Pop- und Subkulturen eines entfesselten Abendlandes. Wo Freude und Vergnügen herrschen, da bringt sie Gewalt und Schrecken hin, wo Gewalt und Schrecken sind, da findet sie Freüde und Vergnügen, dieses leckere vulgäre Supergirl im kalten Rausch ihres mysteriösen Spiels mit Eros und Tod. Plakatwelten und Kunstfiguren zwischen Märchen, Reklame und aktuellen Sensationen füllen eine bonbonfarbene Schauergeschichte, die Sex und Brutalität flott kombiniert und in reichlich infantile Reize und Späße verzaubert. So hübsch die Oberfläche dieses Bilderbuches anzusehen ist, so zweifelhaft und schließlich penetrant wird dann die ganze Angelegenheit, wenn man sich an den hübschen Farben, den manchmal recht reizvollen optischen Einfällen und endlich an Fräulein Pravda persönlich sattgesehen hat und schon ein wenig hinter die Kulissen dieses Comicstrips guckt, der dann gar nicht mehr so komisch, sondern recht bieder und langweilig ist. (Schünemann Verlag, Bremen; 72 S., 18,– DM)

Siegfried Schober

„Sitara und der Weg dorthin – Eine Studie über Wesen, Werk & Wirkung Karl Mays“, von Arno Schmidt. In seiner Untersuchung ging es Schmidt um den Nachweis, daß Mays „Wesen“ von im Zuchthaus erworbener, später rigoros verdrängter, an verräterischen Details der Romane aber wiedererscheinender Homosexualität geprägt wurde, sein „Werk“ nach strengen Maßstäben zwar indiskutabel, in den Spätwerken „Im Reich des silbernen Löwen“ und „Ardistan und Dschinnistan“ jedoch sehr beachtlich und unter dem Aspekt seiner „Wirkung“ auf nunmehr drei Lesergenerationen sogar, höchst interessant ist. Und diese Wirkung hänge mit der unterschwellig in die Bücher Mays eingedrungenen Sexualität aufs engste zusammen. Die amüsantkrause Oberfläche von Schmidts Buch täuscht: Hinter der dichten Textur von sarkastischen Bemerkungen, pfiffigen Vermutungen, geistreichen Wortspielen und witzigen Konjekturen stecken einige literaturpsychologische Thesen, die genauerer biographischer und lesepsychologischer Erhärtung wert wären. (Fischer Bücherei 968,Frankfurt; 265 S., 3,80 DM) Jörg Drews

„Carmilla“ und vier andere unheimliche Geschichten, von Joseph Sheridan Le Fanu: Mircalla Gräfin Karnstein (alias Millarca, alias Carmilla) bemüht sich anderthalb Jahrhunderte nach ihrem Selbstmord um eine englischblütige höhere Tochter – zum Vampir avanciert, hat sie sich nämlich auf junge Mädchen kapriziert. Einigen Fachleuten gelingt es jedoch, sie unter Aufsicht einer kaiserlichen Kommission (denn es muß alles mit rechten Dingen zugehen) gerade noch rechtzeitig postum und endgültig zu exekutieren – besagte höhere Tochter kommt, obschon angezapft, mit dem Schrecken davon. Subtiler geartet ist die Unheimlichkeit der anderen vier – gleichermaßen meisterhaft erzählten –, Geschichten: Le Fanu (1814–73) überläßt es hier dem Leser, den Wirklichkeitsgrad der Erscheinungen zu bestimmen, von denen ein wenig ehrenwerter Richter, ein inkorrekter Erbe, ein labiler Geistlicher und ein Kapitän mit „sündhafter“ Vergangenheit heimgesucht werden: Rationalisten dürfen sie als halluzinatorische Ausgeburten eines meist schwarzen Gewissens abtun, Anhängern des Außerschulweisheitlichen dagegen wird nahegelegt, in ihnen Indizien für das Wirken von „Mächten“ zu sehen, die bis zum Jüngsten Tage im Dunkel bleiben wollen. Für die Betroffenen jedenfalls endet die Begegnung mit dem Unheimlichen tödlich. (Diogenes-Verlag, Zürich; 388 S., ill., 16,– DM) Rainer Zimmer

„Der Unfall“, Roman von Nicholas Mosley. Dem englischen Autor Nicholas Mosley dient Stephen Jervis als Erzähler, ein Philosophiedozent in Oxford. „Der Unfall“, nach dem der Roman benannt ist, darf – immerhin auch – wörtlich verstanden werden: Die betrunkene Studentin Anna, eine Adlige aus Österreich, hat das Auto gesteuert. Der Junge, der sie ans Steuer gelassen hatte, ist tot. Der Berichterstatter redet originell, sehr rasch, ein bißchen sprunghaft und oft recht gelehrt, das heißt: mehr in gelehrten Anspielungen und dabei meistens wie gegen den Wind. Es klingt, als zweifle, als verzweifle er daran, zu übermitteln, was sich zugetragen hat und wie er selber beteiligt war – mit welchen? Überlegungen, welchen Gefühlen. Er gibt dennoch nie wirklich auf. Die Höflichkeit der unterhaltenden Nation steckt ihm im Blut. Der Augenblick, den eine Summe von Details festhalten soll, ist nie zu lang. Auch wo das Tätigkeitswort fehlt, kommen die Sätze weiter. Aufschwünge ins Allgemeine werden eher beiläufig erledigt: „Das Anstößige am Glück ist seine Vulgarität.“ Und Personen werden rundum sichtbar – gerade weil ihr Bild schwankt, weil es schwanken soll. (Verlag Droemer Knaur, München; 223 S., 18,– DM)

Christa Rotzoll