Von Bodo Scheurig /

Curt Siewert: „Schuldig? Die Generale unter Hitler“; Podzun-Verlag, Bad Nauheim 1968; 190 Seiten, 22,– DM.

Der Autor kennt die Materie, über die er schreibt. Dieser Umstand aber schließt kaum aus, daß er sich nicht übernommen hat. Jene, die er darob schmäht, daß sie Hitlers Generale en bloc verurteilt haben, mögen häufig blindem Eifer erlegen sein. Ob indes ein ehemaliger Offizier, der mitunter selbst beobachtete, was er beschreibt, hellsichtiger sein muß, steht auch nach dieser Schrift zumindest dahin. Siewert folgt einer bestimmten Absicht: er sucht um nahezu jeden Preis zu entschuldigen, schon das macht skeptisch und verstimmt. Schlimmer aber bleibt sein Anspruch, eine verwickelte Problematik geklärt zu haben. Wer über Hitlers Generalität urteilen will, sollte nicht nur Traktate verfassen; er hätte hieb- und stichfeste Historie zu schreiben. Hier regiert nicht selten das Oberflächliche und Beliebige. Hier herrschen gar vorsätzliche Induktionen vor, denen die Geschichte oft genug ihre Zustimmung verwehrt.

Siewert will nur die Oberbefehlshaber des Heeres für eine Schuld-Diskussion zulassen. Man wird ihn kaum davon überzeugen können, daß eine solche Beschränkung arge Willkür verrät. Immerhin vermag der Autor manche Relativität zu verdeutlichen. Überzeugend arbeitet er heraus, daß General nicht gleich General war: Ränge und Dienststellungen entschieden über das Ausmaß des jeweiligen Überblicks. Nicht minder weiß er zwingend darzutun: wenn von Verantwortung und Schuld die Rede ist, so will zwischen beiden strikt unterschieden sein. Ferner besticht die Redlichkeit, mit der sich der Autor weigert, Geschichte nachträglich zu verzeichnen. Was damals die Mehrheit beherrschte, rückt ohne Umschweife ins Bild. So wird offen bekannt, daß die Verschwörer des 20. Juli einsam zu handeln hatten – auch dies ein Stoß gegen Tabus, deren Abbau unsere Zeitgeschichte noch etliche Kredite kosten wird. Vor solch einem Hintergrund kann Siewert mancherlei zurechtrücken. Da wird denn nicht nur eilfertigen Schmähungen, sondern auch behenden Urteilen ein empfindlicher Stoß versetzt. Derartige Verdienste sind umumwunden anzuerkennen. Gerade wer sich gegen Siewerts Auffassung wehrt, sollte sie ernsthaft prüfen, um die eigene zu festigen.

Trotzdem wird man des vorliegenden Buches nicht froh. Das liegt vorab daran, daß Siewert offene Türen einrennt. Jeder geschichtlich Denkende weiß nur zu gut, weshalb 1933 die Armee Hitler „verfiel“. Auch daß Generaloberst Fritsch 1938 über seiner Affäre keinen Staatsstreich wagte, wird kaum anzukreiden sein. Über den 30. Juni 1934 sei mit dem Autor nicht gestritten. Selbst wer anderer Meinung als Siewert ist, wird dessen Argumente gerade in diesem Zusammenhang ernsthaft zu bedenken haben. Leider aber will der Autor glauben machen, daß die Generale Hitlers Ziele erst bei Kriegsausbruch begriffen haben. Dies freilich kann er nur, weil er geflissentlich unterschlägt, was seine These in Frage stellt. Kein Wort rührt an Hitlers Besprechungen mit den Befehlshabern im Februar 1933 und im November 1937. Wer indes diese „Führer“-Texte kennt, vermag nicht an die Unschuld der „höchstverantwortlichen“ Militärs zu glauben.

Die Verstrickung im Kriege, wie sie Siewert darstellt, war gewiß weitgehend ein Produkt der Zwangsläufigkeit. Das Volksheer und die gebotene Pflichterfüllung setzten jeder Rebellion enge Grenzen. Hier wird dem Autor schwer zu widersprechen sein. Die qualvollen Umwege, welche die Opposition einschlagen mußte, waren nicht nur Umwege der Feigheit. Warum aber sollte Siewert klüger als Ludwig Beck sein? Beck glaubte 1938 nicht ohne Grund, daß ein Rücktritt der Generalität kriegerische Abenteuer Hitlers unmöglich gemacht hätte. Siewert dagegen meint, diese Auffassung mit schlichten Zweifeln widerlegen zu können.

Weiterhin urteilt der Autor nach Leitsätzen, die bewiesen und erhärtet zu werden verdienten. Vor allem jedoch hat man zu beklagen, daß in diesem Buch nur matt aufscheint, was die Besten herausforderte und in bittere Konflikte stürzte. Siewert nennt mit Jaspers Verbrechen jene Handlungen, mit denen gegen eindeutige Gesetze verstoßen wurde. Solch eine Definition war unter Hitler untauglich geworden. Denn Gesetz war seine Geistesart in Tagesbefehlen, in denen Manstein und andere um Verständnis für harte Unterdrückungsmaßnahmen warben. Gesetz war auch, daß die Generalität nicht den Einsichten folgen durfte, die man von ihnen als Nur-Militärs verlangen konnte. Solch eine Verkehrung – ob nun bewußt oder nicht – schafft neue Legenden; sie kann nur empören, ja, zu ihr fä’lt einem nichts mehr ein.

Es ist mißlich, in einer gleichsam abstrahierenden Schrift Verantwortung oder Schuld zu erörtern. Auf solche Fragen vermag nur eine Darstellung über Wehrmacht und Politik zu antworten – eine, die neben ihrer Konzeption kein Detail verschmäht. Siewert hat zu ihr allenfalls einen bescheidenen Baustein geliefert. Denn: schuldig? Auch nach diesem Buch fällt es schwer, an die Berechtigung des Fragezeichens zu glauben.