Von Bob Dissent

Die Besucher der Kölner Galerie der Spiegel mögen sich in diesen Wochen wie in einer der Spielhöllen in der Umgebung des New Yorker Times Squares vorkommen. Die dort von dem jungen Hamburger Klaus Geldmacher ausgestellten Objekte erwecken auf den ersten Blick – und häufig auch auf den zweiten – viel eher den Eindruck von Spielautomaten als von Kunstwerken, zumal das Geflimmer ungezählter bunter Glühbirnen durch ohrenbetäubende Pop-Musik „untermalt“ wird. Tatsächlich dürfte es Klaus Geldmacher, der vor allem durch sein gigantisches Licht- und Tonprojekt auf der 4. documenta bekannt geworden ist, ziemlich gleichgültig sein, ob man seine Kästen aus Metall, Glühbirnen, Lautsprechern, Plattenspielern und sonstigen technischen Zutaten (noch) als Kunst ansieht. Geht es ihm doch – unter anderem – darum, die gängigen Vorstellungen von Kunst und Ästhetik in Frage zu stellen.

Was ihm jedoch nicht-gleichgültig sein dürfte, ist, ob seine Produkte auch Käufer finden. Einen Hinweis darauf bieten nicht nur die Preise, mit denen er seine Ware auszeichnet (die Ausstellung steht bezeichnenderweise unter dem Motto „Kunst als Ware“), sondern vor allem auch die Kalkulation seiner Preise, die er in einem Ausstellungsprospekt offenlegt. Kein Zweifel, daß er auf diese Weise das Vertrauen der Kunstkundschaft zu gewinnen sucht, die immer wieder Zweifel an der Berechtigung der Preise gerade für aktuelle Kunstprodukte anmeldet.

Es ist wohl das erstemal in der Geschichte, daß ein Künstler freiwillig und unaufgefordert Aufschluß über seine Preiskalkulation gibt: „Die Preise“, so heißt es im biederen Kaufmannsdeutsch seines Prospekts, „entsprechen dem Dreifachen der Materialkosten plus Herstellungshonorare. Sie verstehen sich ab Herstellungsort (Hamburg) einschließlich Verpackung und Versand.“

– Geldmacher führt für jedes der ausgestellten Objekte die Material- und sonstigen Herstellungskosten auf und macht dadurch eine Nachprüfung seiner Kalkulation möglich. Aber damit nicht genug. Er legt außerdem Rechenschaft über die Gewinnverteilung ab: „Der Zwischenhandel erhält bei Verkaufsvermittlung 33 1/3 Prozent der Verkaufssumme. Erwirbt der Zwischenhandel (gemeint ist die Galerie) Objekte vor Eröffnung der Ausstellung, so wird ihm ein Preisnachlaß von 50 Prozent gewährt. Die restlichen 66 2/3 oder 50 Prozent der Verkaufssumme abzüglich der Materialkosten gehen jeweils zur Hälfte an den Produzenten und den Urheber.“

Die Unterscheidung zwischen „Produzent“ und „Urheber“ ist wichtig, da Geldmacher – wie viele andere seiner Künstlerfreunde – die Realisierung (Herstellung) seiner Ideen im Normalfalle anderen überläßt. Das ist die logische Konsequenz aus der Einsicht, die immer mehr um sich greift, daß es in der Kunst primär auf die Originalität der künstlerischen Idee ankommt – im Unterschied zur Ausführung, die man im Zweifel Dritten überlassen kann, zumindest dann, wenn sie die „Handschrift“ des Künstlers nicht erfordert. Bei den meisten der von Geldmacher ausgestellten Arbeiten handelt es sich deshalb auch um Auflagenobjekte (Multiple Kunst) oder um „Modelle“ für Auflagenobjekte.

Geldmacher, der AStA-Vorsitzender der Hamburger Hochschule für bildende Kunst ist und aus seiner Sympathie zur APO keinen Hehl macht, bezeichnet seine Kalkulation als „nicht antikapitalistisch, aber auch nicht unsozial“. Seine Brutto-Gewinnmarge, von der allerdings Aufwendungen für Transport, Spesen und Werbung abzuziehen sind, schwankt – je nach Materialanteil seiner Objekte – zwischen 20,5 Prozent und 24,8 Prozent.