Mit der Aufhebung des Privateigentums entzieht man der menschlichen Aggressionslust eines ihrer Werkzeuge, gewiß ein starkes, und gewiß nicht das stärkste. Sigmund Freud

Feiern und trauern

„Unorthodox“, „ungewöhnlich“ empfand der Börsenverein selbst seine Entscheidung, den nächsten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Alexander Mitscherlich zu verleihen. Jedenfalls werden in der Bekanntgabe diese Züge an Mitscherlich gerühmt. Was weiter offenkundig ist: Der Börsenverein scheint bereit zu sein, aus den Erfahrungen der letzten Buchmesse doch die eine oder andere Lehre zu ziehen. Nachdem es bei der Preisverleihung für den afrikanischen Staatsmann Senghor zu jenem vertrauten Automatismus „Demonstration – Knüppel frei – Urteile wegen Landesfriedensbruchs“ gekommen war, will man in diesem Jahr zwar auf die Preisverleihung nicht verzichten, man wählte aber einen Preisträger, der Kritik an der Gesellschaft und Vermittlung zu den Studenten in den Vordergrund seiner Arbeit gestellt hat. Mitscherlich, Ordinarius für Psychologie an der Universität Frankfurt und Direktor des Sigmund-Freud-Instituts für Psychoanalyse, hat der Gesellschaft der Bundesrepublik „die Unfähigkeit zu trauern“ vorgehalten. Eine Unfähigkeit, die sich nach den Vorstellungen der APO allerdings auch in Feierstunden zu Preisverleihungen niederschlägt.

Adolf-Grimme-Preis 1968

In Marl verlieh am letzten Freitag der Deutsche Volkshochschul-Verband zum sechstenmal den Adolf-Grimme-Preis 1968 für Fernsehsendungen. Einen Preis mit Gold erhielt Marlene Linke für „Abtreibung in Deutschland“ (die Dokumentation wurde mit „Takt und Mut“ geboten – so das Urteil der Jury); einen Preis mit Gold bekam Rolf Hädrich für das Fernsehspiel „Mord in Frankfurt“ (er hat „Vergangenheit durch Gegenwart sichtbar gemacht“), den gleichen Preis erhielten Dr. Helmut Grünewald und Dr. Ernst Klinnert für die Sendereihe „Bauplan des Lebens – Eine Einführung in die Biochemie“. Preise mit Silber erhielten Gerd Ruge für seine Robert-Kennedy-Darstellung „Amerika am 6. Juni“, Peter Kassovitz für seine Unterhaltungssendung „Cascadeure – Stürze, Sprünge, Prügeleien“ und Jean-Christophe Averty für die Unterhaltungssendung „Idea“ („Pop und Musik“). Neu war in diesem Jahr eine zusätzliche Jury, die sich „Marler Gruppe“ nennt und aus 20 Mitgliedern verschiedener Berufe besteht. Dazu gehören Bergleute, Schüler, Heizer, Hilfsschlosser. Diese Jury setzte auf den ersten Platz die „Berliner Antigone“ von Rainer Wolffhardt (auch von der Presse-Jury ausgezeichnet) und „Wolf ohne Halsband – Bilder aus dem Leben des Paul Gauguin“ von Georg Stefan Troller – gleichfalls bedacht mit einem Sonderpreis der Landesregierung Nordrhein-Westfalen.

Interesse

Weil das Publikum „nicht zwischen der künstlerischen Leistung und den historischen Ungenauigkeiten unterscheiden“ könne, hätte das konservative Mitglied des britischen Oberhauses Lord Trefgarne gern gesehen, daß die Regierung gegen eine Aufführung von Rolf Hochhuths „Soldaten“ im englischen Fernsehen einschritte. Lord Shackleton, Führer des Oberhauses, lehnte ein solches Eingreifen jedoch ab: Allein der Vorstand der Fernsehgesellschaft sei für die Sendung verantwortlich. So wird das Stück im Sommer wie geplant übertragen werden. Nicht geplant war hingegen, daß die „Soldaten“ bereits jetzt vom Spielplan des Londoner „New Tbeatre“ verschwinden sollen, wegen „ungenügenden Publikumsinteresses“, wie es heißt, nachdem in vier Monaten 112 Aufführungen stattfanden. Deutsche Intendanten – das zeigt den Unterschied zwischen den Möglichkeiten und Notwendigkeiten von subventionierten und rein, kommerziell geführten Theatern – würden über 112 Aufführungen sich glücklich preisen und sich die Vokabel „ungenügendes Publikumsinteresse“ lautstark verbitten.