Von Rolf Zundel

Horst Ehmke tat etwas, was ihm noch vor einem Jahr wohl kaum gelungen wäre: Er schwieg. Seit die SPD Gustav Heinemann als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten aufgestellt hatte, enthielt sich sein Staatssekretär aller Spekulationen über die Nachfolge im Justizministerium. Wer ihn sehr bedrängte, erhielt von ihm ein halbes Dutzend Namen von Parteifreunden, die, wie er meinte, alle Aussicht hätten, Heinemanns Amt zu übernehmen. Wurde sein eigener Name genannt, winkte er ab.

Diese Zurückhaltung hat sich gelohnt. Die Genossen, sonst schnell bei der Hand, wenn es gilt, Aufsteiger zu ducken, attestierten ihm, er habe etwas gelernt. So ganz freilich sind immer noch nicht alle überzeugt – vor allem in der Bundestagsfraktion –, daß er die richtige SPD-Haltung entwickelt habe. Ein Rest Mißtrauen ist geblieben. Ehmke selber rätselt heute noch darüber, warum sich manche in der Partei so schwer mit ihm tun. In seinem Wahlkreis scheint er keine Schwierigkeiten zu haben. Dort – in Stuttgart – wurde er jetzt mit großer Mehrheit als Kandidat für die Herbstwahl aufgestellt.

Ehmke ist kontaktfähiger, umgänglicher Und geselliger als die meisten anderen Führer der SPD; manchmal scheint er hierarchische Ordnungen einfach nicht wahrzunehmen. Das ist keine volkstümliche „Masche“, sondern ein durch längeren Aufenthalt an amerikanischen Universitäten gefördertes Naturell. Freilich fehlt ihm der Glockenklang deutschen Gemüts und hundertjähriger sozialdemokratischer Kampfgenossenschaft. Aber hochmütige Distanz können ihm auch die kritischen Parteigenossen nicht vorwerfen.

Herkunft und Lebensart erklären etwas von dem latenten Mißtrauen: Sproß gutsituierter Bildungsbürger – der Vater war Chirurg –, Flakhelfer-Generation, im gleichen Jahr in Danzig geboren wie Günter Grass, mit dem ihn eine beiderseits nicht unkritische Zuneigung verbindet, Fallschirmjäger, verwundet, von den Russen gefangengenommen, aus der Gefangenschaft entlassen, als er noch 83 Pfund wog, Studium, 1947 SPD-Mitglied, Vorsitzender des SDS in Göttingen.

Damit aber versiegen für fast 20 Jahre die Daten der Parteikarriere. Wissenschaft, Bildung, Lehre rücken in den Vordergrund. Ehmke promovierte mit einer heute noch viel zitierten Dissertation über die Grenzen der Verfassungsänderung. Als wissenschaftlicher Assistent der SPD-Fraktion saß er an der Nahtstelle zwischen Wissenschaft und Politik, ein längerer Aufenthalt in den USA ermöglichte ihm die Vorbereitung seiner Habilitationsschrift über die Verfassungsrechtsprechung des supreme court auf dem Gebiet der Wirtschaftsregulierung. Verfassung nicht als Norm,, die nur noch exegetisch behandelt wird, sondern als politischer Entwicklungsprozeß, der ohne sozialpsychologische Begriffe nicht zu verstehen ist – das war der Ansatz seiner Verfassungstheorie, der manchem seiner orthodoxeren Kollegen in der Bundesrepublik etwas suspekt vorkam. Daß der junge Freiburger Ordinarius für öffentliches Recht sich mit den Studenten so gut verstand, war auch nicht dazu angetan, ihr Wohlwollen zu fördern. Selbst in der guten akademischen Gesellschaft hatte Ehmke einige Schwierigkeiten.

Daß Ehmke schließlich als Strafverteidiger des „Spiegel“-Redakteurs Conrad Ahlers und als Prozeßvertreter des „Spiegel“ auftrat, schien das Bild eines Mannes zu runden, der als liberaler Feuerkopf gegen die herrschenden Ordnungen anrannte. Dieses Bild ist auf eine erstaunliche Weise falsch. Denn die schwer erkämpfte Selbstsicherheit der SPD, die immer wieder in Trotzreaktionen gegen die herrschende Ordnung zurückzufallen droht, ist ihm völlig fremd. Während andere Sozialdemokraten – wie Wehner, aber auch noch Helmut Schmidt – ihr Verhältnis zu diesem Staat durchlitten, in Niederlagen geläutert haben, setzt Ehmke voraus, daß die Linke in diesen Staat integriert ist. Er gehört einer neuen Generation an. Er glaubt nicht mehr daran, daß es notwendig ist, sich das Recht zu erkämpfen – er nimmt.es sich einfach. Er gehört zu einer noch relativ seltenen Spezies in der SPD: zu den linken Pragmatikern. Von „Hessen-Süd“ trennt ihn, daß er mit der Ideologie nichts anzufangen weiß und ihm deshalb die Reinheit der Lehre nicht sonderlich wichtig ist. Von den Konservativen in der Partei unterscheidet er sich durch seinen liberalen Habitus.