Von Arno Plack

Es gibt kaum noch ein soziales Problem, das heute nicht mit dem Schlagwort von der „Industriegesellschaft“ plakatiert würde, mag die fragliche Sache auch noch so wenig mit der Industrie zu tun haben. Der Titel eines inhaltlich gewichtigen Suhrkamp-Bändchens

„Aggression und Anpassung in der Industriegesellschaft“; mit Beiträgen von Herbert Marcuse, Anatol Rapoport, Klaus Horn, Alexander Mitscherlich, Dieter Senghaas und Mihailo Markovic; edition suhrkamp 282, Frankfurt am Main 1968; 162 Seiten, 3,– DM.

könnte leicht bloß ebenso publikumswirksam gedehnt sein. Gottlob ist einer unter den Autoren, Herbert Marcuse, der es ernst meint mit der Technik: er spricht von ihr. Die technische Entwicklung gilt ihm geradezu als das Schrittgesetz der sozialen Entwicklung, jedenfalls in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, auf die er fast ausschließlich hinblickt. Da zeichnet sich schon ab, daß in einem weitgehend automatisierten und also sich selbst regulierenden sozialen System der „Kampf ums Dasein“ als wirtschaftliche und politische Notwendigkeit entfällt, jedenfalls an Bedeutung verliert. Wohin dann aber mit der überschüssigen, jüngst noch ideologisch verklärten Aggressivität? Wenn diese sich einzig oder auch nur überwiegend Triebfrustrationen verdankte, dann dürften wir wieder hoffen.

In Mitscherlichs Beitrag finden wir viel Klärendes zum vieldeutigen Begriff der Aggression, den uns Konrad Lorenz allzu darwinistisch (and sozialdarwinistisch!) versimpelt hat. Mitscherlich verweist auf die sorgsam beschreibende Deuting der Aggressivität durch Menninger und Allport – Hans Kunz, der ihnen voranging, bleibt unerwähnt –, spricht dann aber doch wieder im Stile von Freud und Lorenz vom „Destrukticnstrieb“ und von „aggressiver Bedürfnisspannung“. Wäre die Aggressivität in diesem Sinne ein uns angeborener Naturtrieb, der unweigerlich nach Befriedigung drängt, dann müßten wir freilich auch von einer ihm gemäßen Form der Befriedigung sprechen können. Eine „Lust am Wehetun“, die sich dafür anbietet, erscheint jedoch mehr als Anthropomorphismus vom Standpunkt einer bereits aggressiv verbogenen Triebnatur, die sich wohl des Ergebnisses ihrer Verbiegung bewußt ist, nicht aber des Prozesses der Verbiegung selber. Lust am Quälen setzt einen Mitvollzug fremden Leidens voraus, ist also pervertiertes Mitleiden.

Dem sicher unbewußten Bestreben, unsere faktische Aggressivität wissenschaftlich zu rechtfertigen (bei dem ethischen Willen, sie in harmlose Bahnen zu lenken), gesellt sich allemal die Neigung, in Kategorien der herrschenden Sittlichkeit zu denken. Das ist durch den Phänomenzusammenhang Frustration-Aggression selber bedingt. Im vorliegenden Bändchen „linker“ Sozialpsychologen findet sich dafür manches Beispiel. Da ist bei Klaus Horn von einer „äußerst geringen Unlusttoleranz“ narzißtischer Charaktere die Rede, so als gehe es darum, sich in Unlust zu stählen. Und Mitscherlich behauptet, der junge Mensch heute sei durch frühzeitige Lusterfahrungen „domestiziert“ und erlebe dann auch die „Sexualität als Suchtmittel“, so als ob nicht umgekehrt gerade alle Sucht – als Sucht nach Lust – einem Mangel an tiefer, leibhafter Befriedigung sich verdankte.

Moralismus steckt auch in Herbert Marcuses Überzeugung, es gebe neben „zusätzlicher Repression“ schon eine Triebunterdrückung, die „der Bewahrung und Entfaltung der Kultur“ diene, so als sei eine Kultur der Triebentfaltung gar nicht denkbar oder fürs Zusammenleben von zu geringem Wert. Eine triebunterdrückende Kultur läßt wohl ohne Triebunterdrückung sich weder bewahren noch entfalten. Auf solcher Plausibilität beruht die Lehre von der Sublimierung der Triebe, ihrer Umsetzbarkeit in kulturelle Leistung. Hinweise auf sinnenfrohe Primitivkulturen oder die alten leibbejahenden Hochkulturen verfangen nicht, wo „Kultur“ immer schon so viel wie hochtechnisiertes Leben bedeutet. Doch selbst wer diesen Kulturbegriff übernimmt, muß nicht an ein so zwingendes Kausalverhältnis von Triebverzicht und Kulturaufstieg glauben, wie Marcuse – diesmal ohne Berufung auf Freud – es voraussetzt. Es gibt technisch primitive Kulturen, deren sexuelle Sitten prüder sind als die unseren heute. Die Frage ist, ob die Entfaltung einer hochtechnisierten Kultur ohne die Unterdrückung von Trieben möglich ist, und ob, wenn nein, deshalb auch ihre Erhaltung noch des Triebverzichts bedarf.

Mit dieser Frage werden wir bei der Lektüre des Bändchens nicht mehr beschwert. Ein roter Faden zieht sich da nicht durch. Lesenswert ist die Untersuchung von Anatol Rapoport: ob sich die linken Intellektuellen als eine „Klasse“ im Sinne von Marx ansprechen lassen. Nach den auch anregenden Gedanken von Horn und Senghaas wird der Leser mit den etwas platt marxistischen Thesen des Jugoslawen Marković entlassen. Eine Feder aus einem kommunistischen Land durfte wohl nicht fehlen.