Von Rudolf von Albertini

Imanuel Geiss: „Panafrikanismus. Zur Geschichte der Dekolonisation“; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 1968; 489 Seiten, 48,– DM.

Lohnte sich dieses Thema für eine mehrjährige intensive Forschung? Ist nicht längst erwiesen, daß auch diese Pan-Bewegung ein Traum oppositioneller Minderheiten war und im Moment, da diese zu Macht gelangten, an den Realitäten – und zwar am Nationalismus der gerade unabhängig gewordenen Staaten – scheiterte? Es spricht für den Verfasser, daß er dieses Ergebnis in aller Offenheit darlegt, obschon er, wie ich vermute, an die Arbeit gegangen war, um die intellektuelle und politische Relevanz des Panafrikanismus an Hand der Quellen aufzuzeigen. Dennoch, gerade die detaillierte historische Analyse, die auf Archivmaterial aus England, Afrika und Amerika beruht und die Publikationsorgane ephemerer Gruppen und Grüppchen ausfindig machte und auswertete, erweist die Komplexität dieses für die afrikanische Emanzipation so wichtigen Phänomens.

Geiss verzichtet auf eine Definition des Panafrikanismus, da eine solche die sehr divergierenden und oft wenig artikulierten Tendenzen, Erwartungen und Forderungen, die sich in der panafrikanischen Bewegung manifestierten, mehr verdecken als erhellen würde. Die Forderung nach einem Zusammenschluß aller Menschen afrikanischer Abstammung im Sinne einer Rassensolidarität über die Kontinente hinweg verband sich untrennbar mit dem Postulat politscher Emanzipation in Afrika; die unterdrückte und diskriminierte Rasse suchte ihre Identität und verlangte nach Gleichberechtigung. Verständlich, daß die vorkoloniale Vergangenheit aber auch die eigene afrikanische Gesellschaftsform aufgewertet und idealisiert wurden – ähnlich wie bei den romantisierenden europäischen Nationalismen. Im Kern ist der Panafrikanismus nur als Erweckungs- und Erlösungsbewegung zu fassen.

Westindische und amerikanische Neger spielten im Prozeß des Sich-selbst-bewußt-Werdens eine maßgebliche Rolle; es waren die „Sierra Leonians“, die am frühen Modernisierungsprozeß Westafrikas aktiv mitwirkten, ja am Vordringen der Briten ins Hinterland nicht unbeteiligt waren; eine ansehnliche Zahl afrikanischer Führer studierte in Amerika – all dies war schon bekannt. Doch Geiss hat erstmals den Panafrikanismus als „verspäteten Bumerang der Sklaverei“ im Dreieck des Sklavenhandels und der Antisklavereibewegung (Westindien/Amerika – England – Westafrika) analysiert und erstaunlich viel an Material zusammengetragen. Er beginnt im späten 18. Jahrhundert, geht der Negerbewegung in den Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert, aber auch protonationalistischen Autoren in Westafrika und der Westafrikanischen Studenten-Union in London nach, zeigt die Bedeutung der afrikanischen „Eigenkirchen und stellt den bis anhin kaum beachteten Panafrikanischen Kongreß von 1900 heraus. Erst im zweiten Teil werden der Kongreß in Paris 1919, der „imperiale Panafrikanismus“ des Jamaika-Negers Garvey, der National Congress of West Africa, die Négritude-Bewegung im französischen Afrika und der neue Aufschwung im und nach dem Zweiten Weltkrieg dargestellt.

Die beiden führenden Gestalten, der Amerikaner Du Bois und der aus Westindien stammende Padmore – der Mentor Nkrumahs – beurteilt Geiss recht kritisch, fehlt es ihnen doch an konkreten Kenntnissen über die Situation in Afrika, an klaren Zielen und nicht zuletzt an Organisationstalent; Du Bois als „hoffnungsloser Romantiker“ hat 1930 sogar die Sklaverei in Liberia gutheißen.

Bei jedem Schritt zeigte sich die Unmöglichkeit, die Forderungen der Neger in Amerika mit dem antikolonialen Nationalismus in Westafrika zu kombinieren. Auf dem von Padmore geleiteten Kongreß in Manchester 1945 fehlten bezeichnenderweise sowohl die Amerikaner, als auch Haiti, Äthiopien und Liberia, deren Symbolwert gerade Geiss für die Frühphase herausgearbeitet hat. Statt dessen aber traten westafrikanische Parteien und Gewerkschaften auf und kündigten, die eigentliche Dekolonisierung an. Geiss überschätzt wohl die „enorme politische und historische Wirkung“ des Panafrikanismus, wenn er die Dekolonisierung Afrikas unmittelbar als dessen Ergebnis interpretiert; als Beschleunigungsfaktor allerdings wird man die geistigen und organisatorischen Anstöße, die von Westindien und Amerika ausgegangen sind, stärker noch als bisher in Rechnung stellen müssen.

Geiss hat einen markanten Beitrag zur Geschichte des afrikanischen Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert geliefert und darüber hinaus den weiteren Komplex anvisiert: die Emanzipationsbewegung der diskriminierten Menschen schwarzer Hautfarbe, wie sie uns nicht zuletzt in der Agitation der Black Power entgegentritt. Das Buch hat nur einen Nachteil: es ist in deutscher Sprache geschrieben und wird außerhalb des deutschen Sprachbereiches kaum die ihm gebührende Wirkung zeitigen können; lassen sich die deutschen Mittel finden, um eine Übersetzung ins Englische zu ermöglichen?