Der Louvre öffnet sein Cabinet des Dessins, das normalerweise nicht zugänglich ist, und ein zweiter, nicht weniger reicher, fast unbekannter Louvre kommt zum Vorschein: noch einmal europäische Kunst vom vierzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert auf der obersten Ebene, belegt mit den großen Namen, die auch in der Gemäldegalerie ihren Platz haben, und nach Ländern geordnet wie in der Gemäldegalerie, diesmal im Medium der Handzeichnung. Nach Umfang und Qualität zählt die Sammlung, neben der Albertina und dem Berliner Kupferstichkabinett, zu den bedeutendsten der Welt. Man schätzt den Bestand auf 90 000 Blätter. Der Leiter des Kabinetts, Maurice Sérullaz, hat jetzt, zum erstenmal in der Geschichte des Louvre, eine Auswahl des Besten publiziert, dreimal hundert Blätter, "Zeichnungen" in dem heute üblichen weiten Sinne verstanden: alles, was weder Gemälde noch Druckgraphik darstellt, sowohl die rein lineare Zeichnung in Schwarz und Weiß mit dem Silberstift, der Feder, Bleistift, schwarzer Kreide wie die farbige Zeichnung vom Rötel, der Lavierung, dem Farbstift bis zum Aquarell –

"Meisterzeichnungen des Louvre", Band I: "Die französischen Zeichnungen" (Fouquet bis Toulouse-Lautrec), Band II: "Die italienischen Zeichnungen" (Pisanello bis Domenico Tiepolo), Band III: "Die deutschen, flämischen Und holländischen Zeichnungen" (Meister E. S. bis Raphael Mengs und Rogier van der Weyden bis J. van Huysum); Prestel Verlag, München; zus. in Kassette 174,– DM, einzeln je 58,– DM.

In der Einführung zum zweiten Band bringt Roseline Bacou interessante Einzelheiten aus der Geschichte des Cabinet des Dessins. Erst unter Ludwig XIV. wurden Zeichnungen systematisch gesammelt, aber unter ihm wie unter seinen Nachfolgern waren es die großen Pariser Privatsammler, von denen das "Cabinet du Roi" profitierte.

Das bedeutendste Konvolut von rund 6000 Blättern mit Zeichnungen von Michelangelo, Raffael und anderen Künstlern der italienischen Renaissance, aber auch von den deutschen Meistern der Dürer-Zeit, von Dürer selber sowie Holbein dem Jüngeren, Cranach und dem seltensten, im siebzehnten Jahrhundert verschollenen Grünewald, stammt aus dem Besitz von Eberhard Jabach, einem gebürtigen Kölner, der es in Paris zum führenden Bankier brachte und, als er in finanzielle Schwierigkeiten geriet, gezwungen war, seine Sammlungen an Ludwig XIV. abzutreten.

Den passionierten Sammlertyp des achtzehnten Jahrhunderts, nicht mehr "Amateur", sondern "Connaisseur", repräsentiert Pierre-Jean Mariette, der sein Interesse zwischen den Alten Meistern und der zeitgenössischen Kunst teilte; aus seinem Nachlaß wurden 1300 Blätter für den König ersteigert.

In der Französischen Revolution wurde das "Cabinet du Roi" Eigentum des Staates, große Privatsammlungen wurden konfisziert. Leonardos Gewandstudie, Tizians Skizze zur Schlacht von Cadore sind auf diese Weise in den Louvre gekommen, auch die meisten Rembrandt-Zeichnungen. Im neunzehnten Jahrhundert konnte der Louvre auf friedlichem Wege, durch Schenkungen und Stiftungen, von der Initiative und der Kennerschaft der Privatsammler profitieren. Die schönsten französischen Zeichnungen des achtzehnten Jahrhunderts, vor allem die Watteau Blätter, stammen aus dem Besitz der Brüder Goncourt.

Angaben über die Herkunft und Geschichte des Blattes, bibliographische Notizen und eine knappe kunsthistorische Würdigung sind den ganzseitigen Reproduktionen gegenübergestellt. Daß die "Meisterzeichnungen", auch die farbigen Blätter, mit der größten Sorgfalt gedruckt sind, kann man bei einer offiziellen Publikation des Louvre voraussetzen. Sie sind aber vor allem, und das ist keineswegs selbstverständlich, sondern das persönliche Verdienst der Herausgeber, glänzend gewählt. Sie haben sich nicht auf die großen Namen beschränkt.

Ein Beispiel dafür ist die abgebildete Zeichnung von Melchior Lorck (der sonst als Melchior Lorich erwähnt wird). Er gehört in die schmale deutsche Abteilung, zwischen dem jüngeren Holbein und Elsheimer, in der deutschen Kunstgeschichte ist er so gut wie unbekannt, in Flensburg geboren, auf abenteuerlichen Wegen kam er nach Konstantinopel, wo er als erster Europäer orientalische Eindrücke fixierte. Gottfried Sello