Von Marianne Kesting

Wie es scheint, dringt allmählich eine Literatur an die breitere Öffentlichkeit, die bisher in der splendid Isolation wenig verkäuflicher Ausgaben vor sich hin lebte und unter Bezeichnungen wie "Konkrete Poesie" ihr Dasein fristete – Namen, unter denen sich nur Eingeweihte überhaupt etwas vorstellen konnten.

Es handelt sich um eine Dichtung, die ihren eigenen Apparat, die Sprache, untersucht, also einen erkenntniskritischen Vorgang in das eigene Medium verlegt. Die Sprache selber wird dabei als Modell der Realität verstanden.

Diese Literatur ist, wie gesagt, keineswegs neu. Neu aber ist, daß sie in Deutschland mit ganz jungen Autoren plötzlich eine gewisse Popularität erlangt. Der Umschlagspunkt von der Exklusivität zur Popularität lag in Frankreich bei Raymond Queneau mit seinem Roman "Zazie in der Metro" und mit seinem "Autobus S.", in Deutschland bei der Wiener Gruppe mit Konrad Bayer und H. C. Artmann, schließlich bei Peter Handke, der seine Sprachexerzitien auf der Bühne auch einem breiteren Publikum einleuchtend machte.

Jüngst hat nun Peter Handke einen originellen Geistesbruder bekommen, einen noch sehr jungen, ebenfalls österreichischen Autor –

G. F. Jonke: "Geometrischer Heimatroman"; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 143 S., kart., 10,– DM.

Er liefert ein ebenso böses wie unterhaltsames, teilweise sogar poetisches Modell sozialer Umbrüche.