Von Theo Sommer

Salutschüsse rings um den Erdball, Trauerspalier auf der Constitution Avenue, Trommelwirbel unter der hohen Kuppel des Kapitols – für den toten Fünfsterne-General Dwight D. Eisenhower hat die US-Army noch einmal den ganzen Pomp entfaltet, dessen ihre Zeremonienmeister fähig sind. Aber all das militärische Gepränge vermochte die beherrschende Tatsache der gegenwärtigen amerikanischen Politik nicht zu verdecken: den-Aufstand gegen die Militärs.

Dieser Aufstand prägt im Frühjahr 1969 die Stimmung in den Vereinigten Staaten. Unten, an den "Graswurzeln" der Demokratie, äußert er sich in steigenden Desertionsziffern, in wachsender Widerborstigkeit der Jungen vor den Musterungskommissionen, in der Absetzung von Militärkursen an den Universitäten; oben, bei den gewählten Repräsentanten der Nation, drückt er sich in zunehmender Skepsis gegenüber allem aus, was vom Pentagon kommt. Die Militärs, so wird argumentiert, haben Amerika in den ausweglosen vietnamesischen Dschungel gehetzt; im übrigen pressen sie das Land aus, entziehen ihm, um aberwitzige Waffensysteme zu finanzieren, die Mittel, deren es zu seiner sozialen Sanierung dringend bedürfte.

Auf diese beiden militärischen Fragen – Vietnam und den Aufbau einer Raketenabwehr – konzentriert sich daher heute die innenpolitische Diskussion. Die Zivilisten formieren sich zum Sturm auf dieBastionen der Militärs. Und so kurios es auch anmuten mag: den toten Feldherrn können sie dabei ohne Geschichtsklitterung für sich in Anspruch nehmen. Der Eisenhower, den Amerika diese Woche zu Grabe trug, war weniger der Schlachtenlenker des Zweiten Weltkriegs, weniger der erste NATO-Oberbefehlshaben. Das Land beklagte einen anderen, einen aktuelleren Ike: den Friedenspräsidenten, den Warner vor dem militärischen Moloch.

Die Amerikaner erinnerten sich an seinem Grabe des Mannes, der 1953 den Koreakrieg beendete, 1954 die Verwicklung Amerikas in den französischen Indochinakrieg verhinderte, 1955 am Genfer Gipfel verkündete, daß es "keine Alternative zum Frieden" gebe, und 1959, nach dem Tode von Dulles, den Koexistenz-Dialog mit Chruschtschow aufnahm. Und sie zitierten, nicht ohne Grund, aus Eisenhowers Abschiedsbotschaft vom Januar 1968 die brisanten Sätze: "In den Führungsgremien der Regierung müssen wir uns davor hüten, daß der militärisch-industrielle Komplex, willentlich oder unwillentlich, unvertretbaren Einfluß gewinnt. Nie dürfen wir das Gewicht dieser Kombination unsere Freiheiten und unsere demokratischen Verfahren gefährden lassen. Wir sollten dabei nicht vertrauensselig sein. Nur wache, informierte Bürger können bewirken, daß die gewaltige militärische und industrielle Verteidigungsmaschinerie mit unseren friedlichen Methoden und Zielen richtig verzahnt wird, damit Sicherheit und Freiheit zusammen gedeihen können."

Der General, der Frieden predigt und vor den Generälen warnt – das paßt in das Washington von heute. Mit der Militärfrommheit von ehedem ist es vorbei. Nie stand das Pentagon so niedrig im Kurs.

Ein Vergleich mit 1961 ist aufschlußreich. Als Kennedy damals ein Milliardenprogramm für den drastischen Ausbau der amerikanischen Verteidigung entwarf, stimmte der Kongreß ohne jedes Murren zu; heute ist es zweifelhaft, ob Nixon sein reduziertes Raketenabwehrsystem durchbringen kann. Nach dem Wiener Treffen mit Chruschtschow konnte Kennedy unwidersprochen Verstärkungen nach Berlin beordern; heute – sieben Monate nach Prag – melden die Befürworter einer US-Truppenreduzierung in Europa schon wieder ihre Forderungen an. Eine große Debatte über die Glaubwürdigkeit der militärischen Führung und die Notwendigkeit endlos fortgesetzter Rüstungsanstrengungen hat in Washington begonnen.