Von Gottfried Sello

Noa Noa heißt Duft von Blumen, Wohlgeruch. "Schöne goldene Blume, die lieblich duftet nach dem tahitischen noa noa und die ich anbetete, als Künstler, als Mann", schreibt Gauguin in seinem berühmten und noch immer einigermaßen rätselhaften Reisebericht "Noa Noa".

Die goldene Blume ist seine dreizehnjährige Vahine Tehura oder Tehaurana, die weinend am Kai zurückbleibt, als der Maler sich nach Frankreich einschifft. Hat Gauguin das wirklich geschrieben? Ist er der Autor dieses blumigen, angenehm duftenden Reiseberichts? Daß er ihn nicht allein verfaßt hat, steht fest, obgleich die meisten, die "Noa Noa" lesen, das nicht wissen. Das Manuskript ist im Winter 1893/94 entstanden, nicht in Tahiti, sondern in Frankreich, zwischen der ersten und der zweiten Reise nach Ozeanien, in Zusammenarbeit mit Charles Morice.

Morice war ein symbolistischer Dichter, der seinerzeit die Bekanntschaft zwischen Gauguin und Mallarmé vermittelt hatte, mit Gauguin befreundet und ihm finanziell verpflichtet. Die Idee zu einer gemeinsamen Publikation ist vermutlich von Gauguin ausgegangen. Gauguin war enttäuscht, daß seine Tahiti-Bilder, die er gleich nach seiner Rückkehr bei Durand-Ruel ausgestellt hatte, beim Publikum und bei der Presse nicht den erwarteten Enthusiasmus ausgelöst hatten. Dem wollte er mit einem Tahiti-Buch abhelfen, das diese neue Ursprünglichkeit, die Vitalität, die Gewaltsamkeit seiner Malerei plausibel machen sollte. Er selber wollte die Fakten liefern, sein Leben mit den Insulanern, Morice die lyrischen Passagen, den poetischen Duft, Noa Noa.

Die ersten Auszüge aus "Noa Noa" veröffentlichte Morice in der Revue Blanche, als Gauguin längst wieder in Ozeanien war. Gauguins Urteil: "Darin ist weder Reim noch Sinn." Die erste Buchausgabe erschien 1901, Gauguin und Morice wurden gemeinsam als Autoren genannt. Es folgten mehrere Neuausgaben, mit geringfügigen Änderungen.

Die Sache komplizierte sich, als Gauguins Freund Daniel Monfreid im Nachlaß eine komplette Noa-Noa-Mappe entdeckte, mit Aquarellen, Holzschnitten und einer photographischen Dokumentation. Sie enthält den endgültigen Text, den Gauguin allein, jedoch nach einer Kopie der ersten Fassung geschrieben hatte. Diese definitive Fassung wurde 1924 zuerst veröffentlicht. Sie enthält mehr Gauguin und weniger Morice als die früheren Ausgaben, ohne diesen jedoch gänzlich zu eliminieren. Die Gedichte stammen von Morice, ebenso die Ausführungen über "La Mémoire et l’Imagination"; bei anderen Partien wurde seine Urheberschaft vermutet. Seit 1927 befindet sich das Manuskript im Louvre, ein Geschenk von Monfreid. Drei Faksimile-Ausgaben wurden publiziert, das Louvre-Manuskript galt als die immer noch beste und zuverlässigste Fassung, auch wenn man Morice als Mitautor in Kauf nehmen mußte. Bis 1954, ebenfalls in Faksimile, eine andere "Noa Noa"-Ausgabe in Paris gedruckt wurde, die 1961 in englischer Übersetzung bei Bruno Cassirer Oxford herauskam und jetzt in einer deutschen Ausgabe vorliegt –

Paul Gauguin: "Noa Noa", aus dem Französischen von Helen Hessel; Verlag Rogner & Bernhard, München; 80 S. Text und 49 Bildtafeln, 975 numerierte Exemplare, Nummer 1 bis 100 in Leder 160,– DM, Nummer 101 bis 975 in Leinen 68,– DM.