Stuttgart

Vor einem halben Jahr", reflektierte Adolf von Thadden auf dem Jugendkongreß der NPD am letzten Sonntag in Stuttgart, "kamen Schulräte der SPD in Berlin auf die Idee, eine große Umfrage zu machen. Das Ergebnis war aufschlußreich: Bei den Angehörigen der Oberklassen der Berliner Oberschulen wurde festgestellt, daß die Umerziehung dort weitgehend gelungen war. Aber zur gleichen Zeit wurde festgestellt, daß die Umerziehung bei den Volksschülern keineswegs die gewünschten Früchte getragen hat, sondern daß dort wesentlich Gesünderes, Normaleres sich bewahrt habe als in den anderen Kreisen. Das läßt hoffen, denn wenn auch die umerzogenen Primaner möglicherweise in absehbarer Zeit als Lehrer auf die Kinder losgelassen werden, entscheidend ist etwas anderes: daß das normale Denken in normalen Kategorien bei dem sogenannten einfachen Mann wesentlich besser erhalten geblieben ist als bei der sogenannten Intelligentsia in unserem Land!"

Etwa 250 NPD-Anhänger, darunter 100 Jungmannen, reagierten hörig, mit strammem Beifall und blitzenden Augen. Der Spuk der willfährigen Thadden-Jugendlichen dauerte zwei Stunden, zwei Stunden, in denen Thadden seine Glaubenssätze offenbarte, daß nun alles, alles anders würde.

Unter dem Thema "Die NPD bringt heilsame Unruhe in die deutsche Politik" verbreitete er sich über den Bundestag-Wahlkampfplan der NPD, deren Mitgliederzahl wieder stark im Steigen begriffen sein soll: "Wir werden verhindern, daß die in Bonn unter sich bleiben. Wir werden dasein! Wir werden plakatieren, so wie wir es für richtig halten, werden. Flugblätter und Wahlzeitungen verteilen, werden in den Zeitungen, die von uns überhaupt Annoncen nehmen, annoncieren. Und alles bezahlen mit dem Geld, wovon uns bereits nach vierzehntägiger Anlaufzeit aus Darlehen unserer Mitglieder über eine viertel Million zugeflossen ist. Und da das Bundesverwaltungsgericht in Berlin zugunsten der NPD entschieden hat, daß dieser ihre Veranstaltungssäle von nun an nicht mehr zu verweigern sind, findet der nächste Wahlkongreß am 10. Mai in Bonns Beethovenhalle statt."

Die Punkte, an denen unter frenetischem Beifall von Thadden sich besonders erschwitzte, waren die Strafrechtsreform, deren Liberalisierung er mit dem "organisierten Treiben von Osten her" in Zusammenhang bringt, das "den westdeutschen Staat von innen her aufweiche, so daß es militärischer Maßnahmen gar nicht mehr bedarf, weil das Angriffsobjekt von Fäulnis zerfressen ist". Und weil doch von der Ostseite nichts anderes verlangt werde, als daß wir 24 Jahre nach der militärischen Kapitulation an Stelle der Forderung nach Recht und Gleichberechtigung und der Forderung nach einer Friedensregelung eine totale Kapitulation zugunsten des sowjetischen Interesses vollziehen sollen. Warnungen vor der geplanten Budapester Sicherheitskonferenz, Warnungen vor dem Atomsperrvertrag."Wir sind der Auffassung, daß die derzeitige Lage Europas keine Basis für eine friedliche Koexistenz bildet. Um so mehr ist es der Gipfel der Unvernunft, wenn im Fernsehen unter Beteiligung des Berliner Bürgermeisters Linksprofessoren sogenannte Denkmodelle erörtern, denen sowjetische Denkmodelle nicht nur nahekommen, sondern fast genau entsprechen. Heute ist die Friedensformel, wie sie in Europa diskutiert wird, ein essentieller Bestandteil der kommunistischen Kriegsvorbereitung und Aggression."

Einigermaßen konfuse Vorstellungen entwickelte von Thadden ebenfalls über die ausweglose Situation bundesdeutscher Richter, die eigentlich dazu da seien, bestimmte Leute zu verfolgen, heute aber von diesen Leuten verfolgt würden, und dann gebe es auch Richter, "die aus Angst vor der Bild- Zeitung Angst haben, das zu tun, was sie eigentlich tun müßten! Aber glauben Sie mir, daß das alles, alles anders wird, wenn nämlich im nächsten Bundestag die starke Fraktion der NPD..."

Gegen Studenten und an die Seite der Polizei will er zu deren Entlastung eine Bürgerwehr lohnsteuerpflichtiger Arbeiter stellen, "die dann sagen, das gehört alles auch uns und diesen Leuten auf ihre ungewaschenen Pfoten schlagen".

Vor den Toren des Saales demonstrierte der SDS, verletzte das Grünrasen-Tabu, erklomm über bronzene Steigbügel seines Pferdes König Wilhelm I. und hängte über sein Antlitz ein rotes Tuch. Ein NPD-Mann sah rot, zornig hangelte er dem SDSler nach und über die königlichen Schultern hinweg stieß er mit geballter Faust dem SDS die Zähne blutig. Adolf von Thadden verließ durch eine Hintertür die Versammlung. Karin Zeller