Von Hans Christoph Buch

Malcolm X: "Schwarze Gewalt. Reden"; Michael Schneider: "Revolution der Sprache – Sprache der Revolution"; Voltaire Handbuch 1, Edition Voltaire, Frankfurt 1968, 196 S., 6,– DM.

Das Leben des Malcolm X verdient, in mehrfacher Hinsicht, exemplarisch genannt zu werden. Seine individuelle Leidensgeschichte ist die Leidensgeschichte seines Volkes und seiner Rasse, die er am eigenen Leib erfuhr: Er war gerade vier Jahre alt, als Angehörige des Ku-Klux-Klan seinen Vater ermordeten; seine Mutter endete infolge der rassischen Diskriminierung im Irrenhaus; seine Kindheit verbrachte er unter der Aufsicht einer staatlichen Behörde, ein Pariadasein als "begabter Neger" unter weißen Schulkindern; im Getto versuchte er als "Hipster" krampfhaft seine schwarze Identität zu verdrängen; die kriminelle Karriere des "Hustlers", als Rauschgifthändler und Zuhälter in Harlem, beschloß er 1946, mit einundzwanzig Jahren, im Gefängnis. Malcolm X hat also schon in der ersten Phase seines Lebens, gleichsam im Embryonalzustand seiner revolutionären Entwicklung, alle Stadien der sozialen und rassischen Erniedrigung, gekoppelt mit allen nur denkbaren Ausbruchsversuchen, bis zum Ende durchgemacht. Seine postum erschienene Autobiographie, die über seinen Werdegang detailliert Auskunft erteilt, ist daher lehrreicher als eine ganze soziologische Spezialliteratur.

Aber auch die zweite Phase seines Lebens, in der er, mit einer psychischen Anstrengung sondergleichen, die individuell erfahrene Unterdrückung ins Bewußtsein und dieses in revolutionäre Aktivität umsetzte, ist nicht minder spektakulär. Sie beginnt, noch im Gefängnis, mit seinem Übertritt zum Islam und endet mit dem Attentat, dem Malcolm, kaum vierzigjährig, bei einer Rede im Audubon-Ballsaal in Harlem im Frühjahr 1965 zum Opfer fiel. Dazwischen liegen die Jahre politischer Arbeit, zunächst in der Nation Islam unter der Ägide von Elijah Muhammad, später, nach dem Bruch mit den Black Muslims, in der neugegründeten Organisation of Afro-American Unity, einem Vorläufer der Black-Power-Bewegung. Dazwischen liegen Reisen nach Europa und in die Dritte Welt, mit denen Malcolm, nachdem er die private Isolierung des unterdrückten Negers durchbrochen hat, nunmehr auch die nationale Isolation seiner Bewegung beseitigt.

Der revolutionäre Bewußtseinsprozeß, den Malcolm X durchgemacht hat, entbehrt nicht der Paradoxie: daß die soziale und politische Emanzipation des nordamerikanischen Negers von einer religiösen Bewegung, der "Nation Islam", ihren Ausgang nimmt, schlägt der orthodoxen marxistischen Theorie, Religion sei Opium firs Volk, scheinbar ins Gesicht. In der Einleitung zu dem vorliegenden Band zeigt Michael Schneider, wie die Black Muslims, in ihrem Kampf jegen die physische und psychische Erniedrigung des Gettolebens, gegen Alkoholismus, Rauschgift und Promiskuität, den unterdrückten Schwarzen ihre Selbstachtung wiedergaben; indem sie das kollektive "weiße" Ichideal, repräsentiert durch die modische Prozedur des Haareglättens, stürzten, schufen sie die Voraussetzung für die revolutionäre Emanzipation der Gettobewohner. Daß die Religion, unter bestimmten historischen Bedingungen, zur revolutionären Produktivkraft werden kann, dafür bietet die Geschichte Beispiele genug: vom Widerstandskampf der Indianer gegen die spanischen Kolonialherren bis zu den Sklavenaufständen auf den Antillen, die zur Gründung des ersten unabhängigen schwarzen Staates, der Republik Haiti, führten.

Darüber hinaus darf die Analyse nicht abstrahieren von den historischen Erfahrungen der schwarzen Bewegung in den zwanziger und dreißiger Jahren. Unter euphemistischen Formeln wie Solidarität und Klassenkampf wurden die amerikanischen Neger praktisch in den Parteiapparat der weißen Linken integriert; die alte Diskriminierung ging also unter neuen Vorzeichen weiter. Nur vor dem Hintergrund dieser Enttäuschung ist der Erfolg der Black Muslims einerseits, das noch heute wache Mißtrauen der Black-Power-Bewegung andererseits gegenüber Fusionsbestrebungen von Seiten der weißen Linken zu verstehen.

Der vorliegende Band enthält Reden von Malcolm X auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn, von 1963 bis kurz vor seinem Tode. Was diese Reden so eindringlich macht (noch mehr, wenn man sie auf Schallplatte gesprochen hört), ist nicht so sehr der dokumentarische Charakter – die Anlässe, etwa der "Freiheitsmarsch" in Mississippi, sind längst überholt – als ihre frappierende Unmittelbarkeit. Ein schärferer Gegensatz, sowohl zu dem inhaltslosen Geschwafel der Berufspolitiker als auch zur sprachlosen Theorie der studentischen Linken, läßt sich kaum denken. Die Diskrepanz von Begriff und Bild, die unsere Metasprache auszeichnet, existiert hier erst gar nicht: Malcolm X erfährt jeden Begriff, den er gebraucht, sinnlich; umgekehrt verfestigt sich ihm die sinnliche Erfahrung wieder zum Begriff. Er spricht, wie Jesus, in Gleichnissen, die jedem Kind verständlich sind. Man höre, wie er die Dialektik von Massen und Avantgarde, das Verhältnis von revolutionärer Organisation und Basis, das wir nur mit einem aufwendigen Begriffsapparat ausdrücken können, in eine einfache Metapher kleidet: