Von Wolfram Siebeck

Reisende sind zäh, müssen es sein", stellte James Thurber fest, der oft nach Frankreich fuhr, und Elias Canetti resümierte über uns Touristen: "Gute Reisende sind herzlos."

Mit diesen beiden Eigenschaften gewappnet, lassen sich tatsächlich einige Wochen Paris überstehen. Kritisch wird es nur, wenn zähe und herzlose Reisende sich gegeneinander wenden ...

"Ihr wohnt doch gerade in Paris und kennt Euch sicher einigermaßen dort aus", schrieb die junge Nichte und unterstrich das Wort "einigermaßen". "Besorgt mir bitte ein Hotelzimmer in Eurer Nähe. Und könnt Ihr mich vom Bahnhof abholen?"

Nur für den äußersten Notfall hatten wir unsere Adresse zurückgelassen: ein Chanson summend, den Zylinder schräg auf dem Hinterkopf und Konfetti auf dem Revers seines Abendanzuges, so kehrt W. S. im Morgengrauen in sein Pariser Appartement zurück, wo ihm ein Telegramm überreicht wird: "Oma tot", aber nicht, damit entfernte Verwandte uns nachreisen und in unserer Küche Ravioli kochen und im Badezimmer Strümpfe waschen. Also besorge ich ihr ein Hotelzimmer am anderen Ende der Stadt.

Daß ich sie richtig einschätze, zeigt mir ihr telegrafischer Nachstoß: "Ankomme Sonntag morgen acht Uhr Ostbahnhof."

Das haben Thurber & Canetti vergessen: Blitzschnell reagieren muß der Reisende, wenn er seine Ruhe haben will, und so sende ich postwendend ein Telegramm zurück: "Am Wochenende leider nicht in der Stadt." Soll sie denken, ich sei Rebhühner schießen in Compiègne. Ans Telefon gehen wir vorsichtshalber bis Montag nicht mehr.