Von Wolfgang Müller-Haeseler

Wo heute noch auf rötlich-grauem Schotter am Ufer des Sävean-Flusses die Saabs und Volvos der Werksangehörigen parken, werden sich in zwei Jahren Arbeiter und Angestellte des größten Kugellagerproduzenten der Welt, der Göteborger Aktiebolaget Svenska Kullagerfabriken, in einem langgestreckten, supermodernen Gebäude beim Handballspiel erholen, einen Preis auf einer automatischen Bowling-Bahn auskegeln, in Sprachstudios Fremdsprachen lernen oder in Hobbyräumen Briefmarken tauschen. Die Kosten für dieses Projekt – 14 Millionen Schwedenkronen oder rund elf Millionen Mark – sind keine Affäre für ein Unternehmen, das in aller Welt produziert, 300 Verkaufsbüros in 100 Ländern unterhält und mehr als 10 000 Wiederverkäufer beschäftigt.

Vom Krankenhausbett bis zur amerikanischen Gemini-Raumkapsel, vom rasanten Sportwagen bis zur überschweren Güterzuglokomotive, überall finden sich Wälzlager, wie die offizielle Bezeichnung heißt, aus den Produktionsstätten der SKF, die im vergangenen Jahr 3,79 Milliarden Schwedenkronen – rund drei Milliarden Mark – umsetzten. Damit steht der 62 Jahre alte Konzern an der dritten Stelle aller schwedischen Unternehmen, übertroffen nur von der Automobilfabrik Volvo und dem genossenschaftlichen Gemischtwarenladen der gewerkschaftlichen Cooperativen, deren Interessen vom Lebensmittel-Supermarkt über Tankstellen bis zu Motels reichen. In der Rangliste der größten europäischen Industrieunternehmen nimmt die SKF etwa die 60. Stelle ein.

Und dennoch ist dieses Unternehmen, absoluter und unangefochtener Spitzenreiter in der Kugellagerbranche, außerhalb des eigenen Kundenkreises weithin unbekannt. Selbst in der Bundesrepublik, wo mit SKF-Schweinfurt die Perle im Kranze des schwedischen Konzerns sitzt, wird SKF meist mit "Schweinfurter Kugellagerfabrik" identifiziert, ohne daß jemand weiß, daß hinter dem Schweinfurter Unternehmer der schwedische Konzern steht, der doppelt so groß ist wie die nächste Konkurrenz, die zusammengefaßten japanischen Produzenten, die nur auf etwa 1,5 Milliarden Umsatz im Jahr kommen.

Das soll jetzt anders werden. In dem hochmodernen, vor zwei Jahren eingeweihten 14stöckigen Verwaltungsgebäude in Göteborg sind Folke Lindskog, Generaldirektor der SKF, und eine junge Mannschaft dabei, dem Konzern den internationalen Anstrich zu geben, der ihm zukommt. Die nationalen Interessen der Tochtergesellschaften sollen dem internationalen Image des Konzerns weichen.

Vor 62 Jahren, 1907, zeigte sich ein Ingenieur der Textilfabrik Gamlestadens Fabriker unzufrieden mit der langen Lieferzeit und der Qualität der Kugellager für die Textilmaschinen. Dr. Sven Wingquist beschloß kurzerhand, selbst die erforderlichen Lager herzustellen. Er gründete die Aktiebolager Svenska Kullagerfabriken mit einem Kapital von 110 000 Kronen, die ihm die Besitzer von Gamlestadens zur Verfügung stellten. Mit 12 Arbeitern und vier Angestellten zog er auf einem Nachbargrundstück der Textilfabrik in ein zweistöckiges Gebäude ein. Noch heute blickt man vom 14. Stock des SKF-Verwaltungsgebäudes auf Gamlestadens, deren Besitzer immer noch zu den Aktionären der Kugellagerfirma gehören.

Doch der Anfang war schwer. Das erste Jahr endete mit einem Verlust von 5000 Kronen. Aber die sich schnell entwickelnde Automobilindustrie half, die Krise zu überwinden. Innerhalb von fünf Jahren stieg Wingquists Umsatz auf 6,5 Millionen Kronen. 1913 – im letzten Jahr vor dem Ersten Weltkrieg – beschäftigte er bereits 3200 Mitarbeiter.