Von Sina Walden

Für mich war der Weg zu einem Gewaltakt klar vorgezeichnet", erklärte der Mann bei seiner polizeilichen Vernehmung. Er versuchte nicht zu leugnen oder sich herauszureden. Vielmehr nutzte er mit offensichtlicher Genugtuung die Gelegenheit, seine große Wut zu schildern.

Fritz Hürlimann, 46, Häuswart und Monteur in der Telephonzentrale Zürich-Hottingen, seit zwanzig Jahren im Dienst der Schweizer Postbetriebe (PTT), in geregelten Verhältnissen lebend, ordentlicher Familienvater, vier Kinder – Fritz Hürlimann meinte es nicht politisch. Er protestierte nicht gegen die Gesellschaft. Aber es ist nicht so sicher, ob er’s nicht doch tat. Allein das Ausmaß der Tat, zu der sich der Postler getrieben fühlte, erhebt sie über die Privatsphäre. Fritz Hürlimann bewirkte immerhin eine der größten Katastrophen in der neueren Zürcher Stadtgeschichte.

Bereitwillig erzählt der Täter den Hergang: Nachdem er mehrere andere Zerstörungspläne wieder verworfen hatte, kreisten seine Gedanken eine Woche lang um eine Brandstiftung an seinem Arbeitsplatz. An einem Freitagabend schließlich verteilte er sechs Ballen Putzlumpen und Holzwolle in den Verteilerbänken des Verteilerraums der Hottinger Telephonzentrale und stellte fünfzehn Liter Benzin bereit. Dann legte er sich in seiner Wohnung, im selben Haus, ins Bett und hoffte, daß noch irgendwas passieren würde, was ihn an der endgültigen Ausführung hindern könne. Es passierte nichts, und so ging er am Samstagmorgen hin, goß das Benzin über die Putzlumpen und steckte sie mit einem Streichholz an. Vorher hatte er umsichtig den Brandmelder ausgeschaltet; nachher nahm er ein Taxi und stellte sich auf der städtischen Hauptwache.

Die zehn Minuten dazwischen reichten aus, um in Zürich 30 000 Telephonanschlüsse und 600 Fernschreiber außer Betrieb zu setzen. In dem betroffenen Stadtgebiet liegen allein sieben Krankenhäuser, zahlreiche Geschäfte, Hotels, Institute, Betriebe, Büros, Dienststellen, Theater, Universitätsgebäude und dichtbesiedelte Wohnquartiere. Der Sachschaden, der durch Feuer und Löscharbeiten entstanden ist, kann noch kaum abgeschätzt werden. Die Post wagte nicht vorauszusagen, wann das Telephonnetz wieder voll funktionsfähig sein wird. Man rechnet etwa mit zwei Monaten.

Der Brandstifter war sich der verheerenden Folgen seiner Unternehmung durchaus bewußt. Er hatte nur eigens den Samstag gewählt, um keine Menschen zu gefährden, und abgewartet, bis seine Frau mit dem jüngsten Kind das Haus verlassen hatte, um es nicht durch das Feuer zu erschrecken. Und wegen der Spitäler hatte er Bedenken. Aber er nahm alles in Kauf, um seinen Arbeitgeber, die PTT, empfindlich zu treffen.

Erstaunlicherweise brach keine Empörung über ihn herein. Das Verständnis, das dem Racheakt des braven Mannes entgegengebracht wird, ist geradezu unheimlich: ein Fall menschlichen Versagens. Die guten Nerven der Zürcher bewährten sich. Sie reagierten mit immerhin bemerkenswerter Privatinitiative und Hilfsbereitschaft, richteten Kurier- und Notdienste ein, pflegen wieder häusliches Leben mit Lesen, Fernsehen, Lange-Briefe-Schreiben ... Doch die 190jährige Neue Zürcher Zeitung – selbst von des Hauswarts finster glühender Tat betroffen – erkannte hellhörig die Zeichen der Zeit und schritt über den Fall Hürlimann hinweg zu umfassenderen Betrachtungen: Die komplizierte technische Apparatur unseres gesellschaftlichen Organismus könne ja auch Objekt zielbewußter Anschläge werden und "die Gesellschaft kann auch im tiefsten Frieden nicht damit rechnen, daß alle mit ihr eins sind"– man müsse allmählich an "Vorbeugungsmaßnahmen" denken. Diskret wird die Möglichkeit angeregt, zivile Anlagen durch Truppen zu schützen.