Von Marion Gräfin Dönhoff

Als im vorigen Jahr, am Donnerstag vor Ostern, der SDS-Führer Rudi Dutschke von drei Kugeln getroffen auf dem Kurfürstendamm zusammenbrach, hielt das ganze Land den Atem an: Politischer Mord als Mittel der Auseinandersetzung, Haß und Gewalt als einander treibende Kräfte, Radikalismus faschistischer und kommunistischer Prägung – all das erschien plötzlich als Zeichen an der Wand.

Noch am gleichenAbend fanden überall studentische Demonstrationen statt. Ihr Ziel: die Druckereien der Springer-Blätter, die seit Monaten wüst gegen die Studenten agitiert hatten und denen die Studenten ihrerseits systematische Leserverdummung, Meinungsmanipulierung, Unterdrückung der Pressefreiheit vorwarfen.

Eine Welle der Solidarisierung rollte durch die Bundesrepublik. Am Karfreitag wurde überall die Auslieferung von Springers Zeitungen blockiert. In Berlin brannten die Lastwagen des Konzerns, in München wurden Redaktionsäume verwüstet. Schließlich taten sich die Proest-Demonstranten mit den Oster-Marschierern zusammen, und am Ostermontag schien eine bürgerkriegsähnliche Situation nicht mehr fern: Die Polizei prügelte, die Demonstranten warfen Pflastersteine – Verhaftungen, Verletzte in allen größeren Städten.

Ostern wurde zum Höhepunkt der studenlischen Revolte – zugleich aber auch zum Wendepunkt. Jetzt strebte man weg von der Soziologie, hin zur Praxis, von Adorno zu Rosa. Luxemburg, Bis zu jenem April 1968 war die Revolte – symbolisiert durch Rudi Dutschke – die von einer aufgeklärten Minderheit getragene politische Bewegung; nach den Osterereignissen verschwanden Ratio und Aufklärung, die lange Zeit als Motor der Revolution gepriesen worden waren. An ihre Stelle trat eine allgemeine Emotionalisierung, die helfen sollte, die fehlende "Massenbasis" zu schaffen. Der Kampf gegen die Notstandsgesetze schien hierfür das geeignete Thema. Aber die Emotionalisierung brachte nicht den Durchbruch zur Arbeiterschaft, die jeglicher Revolution und allen Experimenten äußerst skeptisch gegenübersteht, weil sie zuviel zu verlieren hat. Sie führte vielmehr in denblinden Aktionismus – und damit in die Sackgasse.

Was also ist die Bilanz heute, ein Jahr nach der großen Explosion? Soviel läßt sich wohl sagen, die politischen Ambitionen waren alle zu hoch gesteckt. Parlamentarismus und Liberalismus, die beiden Hauptfeinde des SDS, konnten nicht entscheidend geschwächt werden. Die Revolution wird nicht stattfinden. Das einzige, was passieren könnte, und das haben die Initiatoren sicherlich nicht beabsichtigt, ist, ein Rudi nach rechts bei den Wahlen im Herbst, eine Reaktion auf Unruhe und Gewalt.

Im gesellschaftlichen Bereich vollziehen sich dagegen vielfältige Veränderungen. Es sind positive Veränderungen, die an jenem 2. Juni 1967 beim Schah-Besuch in Berlin ihren Anfang nahmen. Überall, in Kirche, Universität, Schule, in allen gesellschaftlichen Gruppen wird ausgemottet und durchgelüftet. Unreflektierte Autorität sieht sich in Frage gestellt und muß sich neu bewähren. Eingerostete Herrschaftsformen werden nicht mehr ohne weiteres akzeptiert, althergebrachte Klischees in Feierstunden und Festtagsreden fallen dem Spott der jungen Generation zum Opfer.