Klub-Egoismus schadet der Nationalmannschaft

Von Ulrich Kaiser

Vierzehn Tage lang herrschten in Europas Wohnstuben spätabendlich fast olympische Atmosphäre und seliges Angedenken an die kurzen Oktobernächte des vergangenen Jahres. Vom Fernsehen wurden die Spiele der Eishockey-Weltmeisterschaft aus dem Stockholmer Johanneshov in das Heimkino geflimmert.

Deutsche aus beiderlei Staatsgebilden gab es mangels Klasse zwar in den Schlittschuhschlachten nicht zu bewundern, aber bei Bier und Bouletten blieb genügend Gelegenheit, sich zu engagieren. Mit stolzer Schadenfreude wurde der Sieg der ČSSR über die UdSSR zur Kenntnis genommen. Am Prager Wenzelsplatz wurden Fahnen geschwenkt, die Zeitungen schrieben: "Ihr habt tanky (Panzer), wir haben brancy (Tore)!" Oder: "Der Frühling 1968 endete am 21. August, der Frühling 1969 begann am 21. März!"

Die psychologisch entschuldbare Entladung mochte in der ČSSR noch verständlich sein, obgleich auch hier realer denkende Gemüter kaum darüber hinwegsahen, daß ein simples Eishockeyspiel nicht dazu angetan ist, politische Probleme zu lösen.

Aber auch andernorts ließ man die Beziehung der voneinander abweichenden Vorgänge nicht aus. Der in Zürich erscheinende "Sport" kündete in seinem Leitartikel: "Weil der Mensch und sein Leben im Mittelpunkt sowohl von Politik wie von Sport stehen, ist es einfach nicht möglich, die beiden Begriffe strikte zu trennen. Für die Tschechoslowaken war der Sieg ihrer Landsleute über die Sowjetunion ein willkommenes Ventil, ein Vorwand, ein Ansporn zum Durchhalten, ein Lichtblick und eine momentane Befreiung sogar, die ohne Sport überhaupt nicht möglich gewesen wäre."

"Gespottet, gespuckt"