Von Kurt Sontheimer

Es gibt viele Bücher über das Dritte Reich; Textsammlungen, Hitler-Biographien, chronologisch angeordnete Entwicklungsbeschreibungen, historische Interpretationen und Monographien über Monographien. Jetzt endlich haben wir eine kompetente, Deutung und Beschreibung glücklich verbindende Gesamtdarstellung aus der Feder des Bonner Zeithistorikers und Politikwissenschaftlers Karl Dietrich Bracher. Es erfordert keinen Mut zu prophezeien, daß dieses Buch für einige Zeit das Standardwerk über die nationalsozialistische Diktatur bleiben wird:

Karl Dietrich Bracher: "Die deutsche Diktatur"; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1969; 571 Seiten, Studienausg. 26,– DM, Ln. 36,– DM.

Karl Dietrich Bracher braucht man dem zeitgeschichtlich Interessierten nicht mehr vorzustellen. Sein großes erstes Werk über Die Auflösung der Weimarer Republik hat mehrere Auflagen erlebt und ist zum meistzitierten Buch der Geschichtsschreibung zur Weimarer Epoche geworden. Die vor einigen Jahren erschienene, mit seinen Kollegen Schulz und Sauer verfaßte Untersuchung über die nationalsozialistische Machtergreifung ist schnell zum verläßlichsten und umfassendsten Geschichtswerk über das Phänomen und die Praxis der Machtübernahme avanciert. Die jetzt von Bracher vorgelegte Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Diktatur setzt diesen zeitgeschichtlichen Weg in die Gegenwart konsequent fort. Es wäre nicht überraschend, wenn Bracher sein nächstes großes Werk dem Experiment des Wiederaufbaus der deutschen Demokratie nach 1945 widmen würde. Wichtige Vorarbeiten, Probleme der Kontinuität betreffend, finden sich bereits in dem jetzt vorliegenden Band.

Von den früheren Arbeiten dieses im Inland wie im Ausland bekanntesten deutschen Zeithistorikers unterscheidet sich das neue Werk dadurch, daß es eine Gesamtdarstellung der deutschen Diktatur gibt. Darum hat der Verfasser, im Gegensatz zu früher, keine im strengen Sinne neuen Forschungsergebnisse eigener Hand vorgelegt, sondern versucht, auf der Höhe des gegebenen, von seinen Arbeiten beeinflußten Standes der Forschung über den Nationalsozialismus die vorliegenden Ergebnisse gewissenhaft zu verarbeiten und in den Zusammenhang einer Gesamtinterpretation zu stellen. Darin ist die eigentliche Leistung Brachers zu sehen, und dies macht die Wichtigkeit und Bedeutung dieser Neuerscheinung aus.

In seinem ersten Buch über die Weimarer Republik hatte Bracher methodisch doppelgleisig gearbeitet: Er gab im ersten Teil, Fragen der politischen Wissenschaft aufnehmend, einen Querschnitt durch bestimmte zentrale Phänomene und Institutionen der Weimarer Republik. Im zweiten beschrieb er minuziös die historische Entwicklung der Auflösungsperiode von Brüning bis Hitler. In seinem neuen Buch hat er diese verschiedenartigen methodischen Ansätze in einen einheitlichen approach verarbeitet. Das Ergebnis ist überzeugend. Hinzu kommt, daß Bracher, der anfangs einen manchmal schwerfälligen, beladenen Stil schrieb, an sprachlicher Ausdruckskraft gewonnen hat. Es ist nicht nur wichtig, ihn zu lesen, es macht auch keine besonderen Schwierigkeiten.

Bracher hat seinen riesigen Stoff in neun Kapitel unterteilt. Die Einteilung folgt nicht herkömmlichen Kategorien, zum Beispiel Innen- und Außenpolitik, Zweiter Weltkrieg und so weiter, sondern versucht, einem groben zeitlichen Schema folgend, die entscheidenden Gesichtspunkte für die Entstehung, Entfaltung und den Zusammenbruch der nationalsozialistischen Diktatur herauszustellen. Im Zentrum der Analyse steht das Herrschaftssystem des Nationalsozialismus. Dabei ist die verläßliche historische Information über Abläufe und Entwicklungen stets der Kern der Darstellung. In dieser historischen Information ist die wissenschaftliche Literatur gründlich verarbeitet, doch dieser, wenn man so will, erzählende Kern der Darstellung, der zum Beispiel in einem kurzen Kapitel alles Wesentliche über die Person Hitlers enthält, wird bei Bracher nie Selbstzweck. Immer ist er bestrebt, die Komplexität historischer Entwicklung zu erfassen, Gesamtzusammenhänge sichtbar zu machen. Darin steckt die große interpretatorische Leistung des Verfassers.