Bremen

Im Saal wird es ruhig. Die Kaffeetassen und Kuchenteller sind beiseite geräumt. Die Liederbücher bleiben auf den Tischen liegen. Nachher, zum Schluß, will man noch singen. Vorher aber, zwischen Kaffeetafel und Schlußlied, kommt das Referat.

Fünfunddreißig Frauen und drei Männer im Alter zwischen 59 und 92 Jahren sind durch Schnee und Eis in ihre Altentagesstätte gekommen. Der Referent an diesem Nachmittag könnte dem Alter nach ihr Sohn sein. Als er eingangs sagt, er sei so etwas wie ein Wanderprediger, über das Thema "Wenn ich mal ins Heim muß" habe er in diesem Winter schon in neunzehn Altentagesstätten Bremens gesprochen und achtmal werde er es noch tun, da lächeln die Alten. Aber dann sind die meisten Gesichter schon wieder verschlossen. Das Thema "Altersheim" verbreitet Angst. Bei einer Repräsentativumfrage sagten 97 Prozent der Befragten kategorisch "nein" zum Heim. 57 Prozent der Bremer räumten ein: "Nur wenn alle Striche reißen."

Sozialamtmann Küllmer, der Leiter der Altenhilfe beim Sozialamt, weiß das. Er ist kein Schreibtischmensch. Als es in Bremen noch einen fürsorgerischen Außendienst für Alte und Alleinstehende gab, war der Sozialarbeiter Küllmer mit seinen Kollegen ständig unterwegs zu den Alten. Jetzt wanderpredigt er, um Ängste zu mildern, falsche Vorstellungen zu korrigieren, Vorurteile abzubauen, Probleme beim Namen zu nennen, Mut zu machen. Zuerst klärt er eine Fülle verwirrender Begriffe: Altenwohnung, Altenheim, Pflegeheim, Siechenheim, Asyl, Hospital, Altersstift, Alterspension, Seniorenhotel...

Dann, als vom Geld die Rede ist und vom Sozialamt, das "kostendeckend" für jeden Staatsbürger einspringt, der aus eigener Kraft einen Heimplatz nicht finanzieren kann, riskiert Küllmer einen persönlichen Beweis: "Ich habe mir ausgerechnet, daß meine Frau und ich, wenn wir später einmal beide in ein Pflegeheim gehen müßten, die Kosten dafür – nach den heutigen Sätzen etwa 1200 Mark – privat nicht aufbringen können. Dann wird auch der Sozialamtmann das Sozialamt anrufen müssen." Er sagt das ohne Wehleidigkeit. Kein Trick, sondern Wahrheit. Von diesem Moment an hat er das Vertrauen seiner Zuhörer. Den heikelsten Punkt seines Referates, das Kapitel "Private Altersheime", kann er in Ruhe anvisieren.

Vielerorts, auch in Bremen, haben Geschäfte mit alten Leuten in gewerblichen Alten- und Pflegeheimen erhebliche Unruhe provoziert. Das freut die Senatorin für Wohlfahrt und Jugend, Frau Bürgermeister Mevissen ein bißchen: "Sogar in Bonn ist man wach geworden und beginnt, ein Problem wahrzunehmen, mit dem sich die Länder längst herumschlagen." Senatsdirektor Günter Stahl ergänzt: "Man trägt Altenhilfe." Mehrere Bremer Heime machten Pleite. Um die Bewohner vor dem Verkommen und Verhungern zu bewahren, mußten sie innerhalb kürzester Zeit umgesiedelt werden.