Von Wolfgang Werth

Der emsige österreichische Essayist und Kritiker Paul Kruntorad ist ein Mann, der sich im Kulturgetriebe auskennt und, wie sein erstes Erzählwerk –

Paul Kruntorad: "S. Ein Modell"; Insel Verlag, Frankfurt; 130 S., 24,– DM

zeigt, über dessen Leerläufe zu spotten weiß.

Schauplatz seiner ironischen Inszenierung ist eine hochalpine Tagungsstätte, wo Leute aus den Niederungen Sommerkurse absolvieren. Frau Elnkamp aus der Lüneburger Heide ist dabei; die Dame Emma, die schon "von Anfang an" mitmacht; Professor Federmann, sein Assistent Kende und Eduard, den Frau Elnkamp "interessant" findet, weil er zur Tagungsleitung gehört und weil sie hofft, "durch ihn zu den begehrten Bons für den Alpenhof zu kommen"‚ wo sich "die Prominenz aufhält. In den Kursen, deren alljährliche Veranstaltung "das Dorf zum Kulturzentrum und vom Kulturzentrum zum Fremdenverkehrszentrum beförderte", geht es um die "Freiheit von irgend etwas", "um die mannigfaltigen Formen der Sklaverei und Unterwerfung", und sonntags hält Monsignore seine "sehr beliebten" Predigten, beispielsweise über die Atombombe, "die Ontologie des Pilzes und seine Bedeutung als Symbol der Sünde".

Aber diese Exerzitien haben nur Alibifunktion. Man trifft sich zur Tagung nicht, weil einem "das Geistige" ein "Anliegen" ist – das gibt man nur vor. In Wahrheit lockt die Exklusivität, die Aussicht, im Dunstkreis interessanter Geister zu weilen und sich dazugehörig zu fühlen. Ob man den Vorträgen lauscht und darüber redet, im Swimming-pool plätschert, an der Bar hockt oder die Zehn-Uhr-Messe besucht – all das ist nur erlesene Freizeitbeschäftigung, höherer Luxus, der das Elitebewußtsein kräftigt und außerdem billig zu haben ist, denn natürlich ist dieser ganze Kulturbetrieb subventioniert.

Der Insider Kruntorad deckt die Karten auf. Die Ironie, mit der er erzählt, wirkt niemals aufgesetzt; sie ergibt sich gewissermaßen zwangsläufig aus der genauen Reproduktion des nur allzu wahrscheinlichen Musters. Und solange Kruntorad nichts weiter tut, als diese sich selber stilisierende und dekouvrierende Scheinelite zu porträtieren, ist sein Buch sehr vergnüglich. Leider verläßt sich der Autor aber nicht allein aufs Erzählen, sondern sucht seine Ambitionen auch mit anderen Mitteln zu erfüllen, die sich der Inszenierung nicht hinreichend integrieren: