Von Wolfgang Winter

Durch Helvetiens Blätterwald weht wieder einmal ein scharfer Wind. Gespannt beobachtet die Öffentlichkeit die "blaue Presse", die Wochenblätter "Weltwoche" und "Zürcher Woche", die es im Zeitungstitel beide mit der blauen Farbe halten. Am ehesten, nämlich noch vor Ostern, wird man bei der "Zürcher Woche" wissen, woran man ist. Das heißt, wahrscheinlich werden die überraschend eingestiegenen "Herausgeber", der Publizist und neue Chefredakteur Dr. Rolf Bigler, der Dichter Friedrich Dürrenmatt, der Public-Relations-Manager Markus Kutter und der Geschichtsprofessor J. R. von Salis, dem Kind im zwanzigsten Jahr seiner Existenz einen neuen Namen geben, um Zürcher Lokalkolorit endlich abzuschütteln.

Die "Zürcher Woche" wird fortan "Sonntags-Journal" heißen. Keine Spiegel-Imitation, sondern bisheriges Format, Umbruchvorbild Sunday Times und Observer. Die Titelseite ist prinzipiell für Beiträge der Herausgeber reserviert, die die redaktionelle Linie bestimmen. Peter Bichsel geht ins Feuilleton des "Sonntags-Journal". Werner Wollenberger, Kabarettist, auch einmal Chefredakteur der "Zürich Woche", später Kolumnist der "Neuen Presse", soll neuer Feuilletonchef der "Weltwoche" werden.

Die vier Herausgeber haben die Minderheit des Verlagskapitals erworben – man spricht von einem Drittel. Das neue Konzept der "zwei Spitzen" (Verwaltung/Verlag und Herausgeberschaft) bezweckt nach Dr. Bigler eine "Entmündigung der Verleger".

Die Redaktion, so heißt es offiziell, "wird nicht mehr im hergebrachten Sinne von den Verlagsinhabern abhängig sein". Die Herausgeber sollen über das Blatt als Meinungsinstrument wachen, die Verleger – Franz von Senger, der außerdem über "Elle" und "Trente Jours" gebietet, und Dr. Bigler, der ein Drittel des Kapitals erworben haben soll – sich mit rein kaufmännischen Aufgaben zufriedengeben.

Daß diese für die Schweiz neuartige Konzeption dem früher zwischen rechts und links pendelnden Blatt wieder Profil geben und mithelfen dürfte, die Auflage von gegenwärtig wohl unter 30 000 nennenswert zu steigern, scheint außer Frage zu stehen.

Dem wird allerdings das Zürcher Verlagshaus Jean Frey AG, das seit Anfang 1968 die Mehrheit des Weltwoche-Verlages hält, nicht untätig zusehen. Gerade eben hat die international renommierte "Weltwoche", die von ihren 110 000 wöchentlichen Exemplaren rund ein Drittel außerhalb der Schweiz verkauft, eine Massenkündigung im Redaktionsstab erlebt. Zuerst scheint die dreiköpfige Feuilleton-Redaktion, darunter Gruppe-47-Preisträger Peter Bichsel, wegen "unüberbrückbarer Differenzen" mit dem Chefredakteur Dr. August E. Hohler, die allerdings erst ein gekonntes Intrigenspiel zustande gebracht haben soll, geschlossen den Rücktritt erklärt zu haben.