Von Hansjakob Stehle

Prag‚ im März

Nur Dubčeks Feinde konnten wünschen, was ihm die Gefühlsausbrüche unbesonnener Freunde und der Schwachsinn einiger Krimineller, offensichtlich angestiftet und provoziert von Linksextremisten verschiedener Spielart, angetan haben.

Unter den Scherben und zerbrochenen Möbelstücken des sowjetischen Aeroflot-Büros in Prag drohen die Ansätze einer – ohnehin labilen – Beruhigung in der ČSSR und einer beginnenden Einsicht Moskaus begraben zu werden. Aus dem zweiten sportlichen Sieg der Tschechoslowakei über die sowjetische Eishockeymannschaft in Stockholm ist eine politische Niederlage geworden.

Zumerstenmal seit Monaten hat die "Prawda"am Montag die Prager Parteiführung wieder direkt attackiert, weil sie nichts unternommen habe gegen das, worin man in Moskau "ungesunde und gefährliche Erscheinungen" zu erkennen meint.

Es hatte alles harmlos und fröhlich angefangen. Zu Zehntausenden waren die Prager am Abend des 28. März auf den Wenzelsplatz gezogen, ausgelassen, übermütig, mit Fahnen und Liedern. Bald freilich waren die Eibensträucher, mit denen das Wenzelsdenkmal seit den Palachdemonstrationen gegen das Publikum abgesperrt ist, umgestoßen, aus dem Holz der grünen Behälter wurde ein Feuer entfacht, in dessen Schein Jugendliche das Denkmal erklommen und die Nationalfahne entfalteten.

Während an anderen Stellen des Platzes noch Volkslieder und eher humorvolle Sprechchöre erklangen und selbst ein als Russe verkleideter Mann, der im Rollstuhl hoch über den Köpfen der Menge schwebend getragen wurde, nur Heiterkeitsstürme auslöste, erschien auf dem Denkmal ein abgerissenes Schild der Gesellschaft für tschechoslowakisch-sowjetische Freundschaft, mit "4:3" übermalt, und darüber unmißverständlich in Großbuchstaben das Wort "USSURI". Sogleich spürte man, daß jeder sportliche Geist in der politischen Emotion untergehen werde. Doch nichts deutete im Taumel der Begeisterung auf die Möglichkeiten von Gewalttaten hin.