/ Von Ernst Lemmer

Gotthard Schwarz: "Theodor Wolff und das "Berliner Tageblatt‘. Eine liberale Stimme in der deutschen Politik 1906 bis 1933"; Verlag J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1969; 311 S., 44,– DM.

Gotthard Schwarz hat mit dankenswerter Sorgfalt versucht, eine unserer bedeutendsten Tageszeitungen in der Zeit vor Hitler, ihre politische Haltung und öffentliche Wirkung in einer Epoche geistigen und politischen Umbruchs, an der Person ihres Chefredakteurs Theodor Wolff zu messen. Freilich: das liberale "Berliner Tageblatt", heute würde man sagen: eine fortschrittliche Zeitung, konnte in dem Reichtum der Publizistik jener Tage weniger Aufsehen erregen als der Mann, der mit kämpferischer Kraft in diesem Blatt den Ausdruck für seine keineswegs nur kritischen Gedanken und Überlegungen gefunden hatte. In dem Berlin der letzten Jahrzehnte des Kaiserreichs und der Epoche von Weimar gab es eine solch reichhaltige, vielgeschichtete Publizistik, daß ein Mann, der diese Zeit in seinen besten Jahren erleben durfte, nicht ohne eine gewisse Melancholie daran zurückdenkt.

Zum Unterschied von der einige Jahrzehnte älteren "Frankfurter Zeitung", dem Blatt der süddeutschen Demokratie, das von der Familie Leopold Sonnemann in eine Stiftung öffentlichen Rechts umgewandelt wurde, gehörte die repräsentativste Zeitung des reichshauptstädtischen Liberalismus der Begründerfamilie Rudolf Mosse. Beide Blätter hatten, ohne gegeneinander in einem Konkurrenzverhältnis zu stehen, schon zu Zeiten des Kaiserreichs für die deutsche Politik Weltgeltung. Während die Frankfurterin keinen Chefredakteur hatte und redaktionell auf der kollektiven Zusammenarbeit der Ressortleiter beruhte, lag die Führung des "B. T." deutlich bei seinem Chefredakteur, besonders nachdem Anfang des Jahrhunderts Theodor Wolff, vorher Pariser Korrespondent, die Leitung übernommen hatte.

Doch sollte es keine exklusive Autorität sein, da Theodor Wolff seinen ersten Mitarbeitern wie Ernst Feder, Erich Dombrowski, Felix Pinner, Alfred Kerr, Karl Eugen Müller, Eugen Mündler und Paul Scheffer die Freiheit eines schöpferischen Journalismus ließ. Er "regierte" mit leichter Hand. Er hatte seine Mitarbeiter so ausgesucht, daß man sich von selber verstand und es keiner Interpretation bedurfte, um die immer geradlinige Haltung des "Berliner Tageblatts" zu verdeutlichen. Auch die vielen Korrespondenten im Ausland wie im Inland blieben ungehindert als Persönlichkeit und nur ihrem Gewissen unterworfen, um die Originalität dieser hauptstädtischen Zeitung zu gewährleisten.

Auch gehörte es zum Stil dieses Blattes, daß nicht, wie überwiegend in der "Frankfurter Zeitung", der Standpunkt von der Anonymität der Mitarbeiter getragen war, sondern in der Regel die wichtigen Aussagen mit dem Namen der Verfasser gedeckt wurden. Der Stil des "B. T." ließ es zu, daß Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Minister und Parlamentarier, zu dieser Zeitung ein Vertrauensverhältnis finden konnten, um jederzeit zu Wort zu kommen, wenn Wesentliches zu sagen war.

Einen weiteren Unterschied von heute läßt das vorliegende Buch erkennen, das mit seltener Umsicht und gründlicher Materialkenntnis geschrieben ist: Die Zeitungen. der früheren Epochen überhaupt und das "B. T." im besonderen waren journalistisch unvergleichbar kämpferischer als die heutige Presse unseres Landes. Natürlich war das auch bedingt durch die extremen Gegensätze, von denen die Politik vor Weimar und während der Weimarer Epoche bestimmt war. Freudig wurde polemisiert, doch weiß ich von Theodor Wolff und Ernst Feder, wie sehr sie darauf hielten, daß dabei der gute Stil pfleglich behüteter Demokratie nicht verlorenging.