Von Wilhelm Treue

Lamar Cecil: "Albert Ballin, Wirtschaft und Politik im deutschen Kaiserreich 1888–1918", deutsch von Wolfgang Rittmeister; Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 1969; 335 S., 26,– DM.

Albert Ballin, der bedeutendste und bekannteste deutsche Reeder – zwar nicht der Gründer der Hapag, aber derjenige, der sie zum größten Schiffahrtsunternehmen der Welt gemacht hat –, ist allem äußeren Anschein zum Trotz eine tragische Figur gewesen. Fiel der Name Ballin, so dachte man bisher im allgemeinen an den Aufstieg eines Juden bescheidener Herkunft zu einer wirtschaftlichen Spitzenposition, an Stapelläufe von 50 000-Tonnern, die an Eleganz und Schönheit bis heute nicht übertroffen wurden, an Kieler Wochen und politische Gespräche mit Wilhelm II., seinen Kanzlern, mit englischen und amerikanischen Bankiers und Industriellen. Kurz, Ballin war ein Mann von weltweiter wirtschaftlicher Macht und politischem Einfluß mindestens in Europa.

Das Bild, das die siebente Ballin-Biographie auf Grund genauer Quellenkenntnis bietet, unterscheidet sich außerordentlich von dieser Tradition. Lamar Cecil, ein Amerikaner, hat seine "Dissertation" über Ballin geschrieben. Auch wenn man bedenkt, daß eine solche wissenschaftliche Arbeit in Amerika mehr sein muß als eine deutsche Doktorarbeit, bleibt sie, eine Anfängerleistung, bewunderungswürdig. Der Verfasser beherrscht ein riesiges Material aus offiziellen Akten, Geschäftspapieren, Privatkorrespondenzen und Interviewergebnissen; er hat sich über diesen Berg von Papier erhoben und, so erscheint es dem Leser, aus freier Hand ein künstlerisches Werk geschaffen. Denn dieses Buch, obwohl Satz für Satz beweisbar, liest sich beinahe wie ein biographischer Roman. Es ist hervorragend geschrieben und – eine große Ausnahme – von Wolfgang Rittmeister sorgfältig und sprachlich meisterhaft übersetzt worden.

Was hier vorliegt, wird die gültige, abschließende Ballin-Biographie bleiben. Wir können nur hoffen, daß die letzten noch lebenden alten Freunde Ballins, wie der liebenswürdige und überaus bescheidene gelehrte Kenner vieler sonst unbekannter Ereignisse, Eduard Rosenbaum, noch Erinnerungskapitel zu den hier ausgebreiteten Tatsachen hinzufügen werden.

Zur Unternehmertätigkeit Ballins hat Cecil nicht sehr viel Neues über Stubmann, Huldermann und einige Aufsätze hinaus geschrieben. Da hätte ich sogar gern mehr gelesen: über den Alltag eines so vielbeschäftigten Mannes, über das Ausmaß seiner Entscheidungen im einzelnen, über die Arbeit in seinem Kontor, über seine engsten Mitarbeiter, über seinen Einfluß bei Sitzungen innerhalb und außerhalb des Hapag-Gebäudes. Ballin hat Techniker bei der Hapag gering geachtet und nicht zu Einfluß gelangen lassen – eine erstaunliche Tatsache in einer sich immer stärker dem Ingenieur und seinen Wissenschaften zuwendenden Zeit und in einem Milieu, das von der Werft über den Stapellauf bis zur letzten Reise eines Schiffes stark durch die Technik geprägt war. Gewiß: Ballin war Kaufmann, Organisator, Politiker und damit anderen deutschen Reedern, etwa Woermann, ähnlich. Aber wenn Ballin meinte, an der geringeren Expansion des Norddeutschen Lloyds, dessen Zurückbleiben hinter dem großen Hamburger Rivalen sei der schädliche Rat technischer Spezialisten schuld, dann möchte man doch mehr über die Hintergründe und Erfahrungen lesen, die Ballin zu dieser Auffassung gebracht haben.

Das Neue an Cecils Buch liegt auf dem Gebiet der Politik. Ballin hat viele Jahre den Anschein erweckt, er habe beträchtlichen Einfluß auf die große Politik, auf Wilhelm II., Kanzler und Staatssekretäre. Und die Geschichtsschreibung ist geneigt, ihm bis zum Schluß eine mäßigende Wirkung zuzuschreiben, weil er die wirtschaftlichen Tatsachen und die Meinung prominenter Engländer gekannt und dargelegt habe. In Wirklichkeit ist es, Cecils Darstellung zufolge, erheblich anders gewesen. Zwar ist Ballin in den Vorkriegsjahren mit unendlichem Eifer zwischen Berlin, Hamburg und London hin und her gereist, hat in England mit Staatsmännern, Parlamentariern, Reedern, Finanziers gesprochen, dann in Berlin berichtet und anschließend mit neuen Instruktionen und eigenen Ideen die Diskussionen fortgeführt. Aber herausgekommen ist dabei im Grunde nichts – schlimmer: ein falsches, nämlich ein für Deutschlands Vorhaben zu günstiges Englandbild.