Von Marcel Reich-Ranicki

In einer im Spiegel veröffentlichten Rezension schrieb Günter Herburger: "Hat man das Kursbuch 9... gelesen, so kommt einem Belletristik völlig belanglos vor. Das Anschauungsmaterial des Buches überwältigt. Wir haben, diese Dokumentation in der Hand, keine Zeit diese für Ästhetik." Ferner: "Wer Belletristik herstellt und die Ohnmacht der Worte beklagt, geht ächzend in die Knie."

Da düstere Verlautbarungen dieser Art längst zum Ritus des literarischen Lebens in der Bundesrepublik gehören werden sie in der Regel entweder ignoriert oder mit nachsichtigem Lächeln zur Kenntnis genommen. Auf jeden Fall stören sie niemanden. Doch nicht das ist bemerkenswert, sondern eher der Umstand, daß sich auch die Urheber dieser Trauerbotschaften offenbar keinen Pfifferling um sie kümmern.

Herburger beispielsweise legt uns jetzt – es sind noch keine zwei Jahre seit seiner kühnen Behauptung verstrichen – ein neues Buch vor. Was denn wohl? Anschauungsmaterial, das uns überwältigen soll? Eine Dokumentation? Eine politische Kampfschrift? Nein, der Schriftsteller, der sich in der Rolle eines Verächters der Belletristik gefiel, liefert natürlich etwas Belletristisches, nämlich einen dicken Roman –

Günter Herburger: "Die Messe"; Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied/Berlin; 484 S., 24,– DM.

Jedes Kapitel, ja jede Seite dieses Buches läßt deutlich, oft allzu deutlich erkennen, daß es sich sein Autor nicht leicht gemacht hat. Er ist ein bemühter und sehr ernster Mann, aber das Ergebnis kommt mir – um bei seinen Worten zu bleiben – "völlig belanglos vor".

Hier geht einer, der an. der Ohnmacht der Literatur leidet, tatsächlich "ächzend in die Knie". Ein erfreulicher Anblick ist das ganz gewiß nicht. Doch wäre es, glaube ich, falsch, sich von ihm gleichgültig abzuwenden. Denn es handelt sich