Von Carl Christian Kaiser

Bonn, im April

Wenn seine Reformwünsche in Gefahr seien, so ließ Kurt Gscheidle vom Krankenbett aus wissen, wo er die Folgen seines "unbedachten Barbesuchs" am Stuttgarter Platz in Berlin auskurierte, werde er seine Kandidatur zurückziehen. Das war als Aufforderung zum Kampf an jene Gewerkschaften gemeint, die sich diesen Wünschen widersetzen. Aber zugleich schwang darin wohl auch die Ahnung mit, daß die stärkeren Bataillone noch nicht auf seiner Seite waren. Sie trog ihn nicht. Dennoch wollte er nicht vorzeitig aufgeben.

Zähigkeit hat Gscheidle seit jeher ausgezeichnet, und auch jenes Gran Halsstarrigkeit, durch das die Nachfolge im Amt des DGB-Vorsitzenden unversehens zu einer Probe, auf die Fähigkeit der Gewerkschaften geworden ist, sich zu reformieren. Daß die Reformdebatte, obwohl seit langem fällig, sich mit aller Schärfe erst an seiner Person entzündet hat, ist kein Zufall. Kurt Gscheidle ist kein Mann der Andeutungen, die vielerlei Interpretationen erlauben. Er kann bis an die Grenze des "Alles-oder-Nichts" gehen; die Formel "verbindlich in der Form, hart in der Sache" paßt auf ihn. Freilich, bei aller Klarheit, Konsequenz und Entschiedenheit, mit der er seine Ansichten vertritt – hartnäckige Forderungen und beharrlicher Widerspruch dienen ihm nicht dazu, Entscheidungen und Entwicklungen zu blockieren, sondern dazu, sie voranzutreiben. Letzten Endes zielt er auf den praktikablen Kompromiß.

Das Etikett "Pragmatiker" für den 44jährigen Schwaben ist deshalb rasch zur Hand, und unvermeidlich bezeichnet es auch einen politischen Generationsunterschied. Die neuen Männer, so schrieb das Gewerkschaftsblatt "Welt der Arbeit" über die mögliche neue Führungsspitze des DGB, "könnte man ... in die Mitte zwischen Brenner und Leber placieren"; es handelte sich um Kandidaten, "die kein ideologisches, sondern ein pragmatisches Verhältnis zur politischen Linken haben, die eher Vertreter des modernen Angestelltentyps denn Arbeiterfunktionäre sind". Der DGB werde wohl "künftig weniger ideologisch sein, er wird sich von der alten Arbeiterbewegung entfernen. Gerade vom Fehlen der Ideologie aber kann die Gefahr einer Integration in die herrschenden Besitz- und Machtverhältnisse ausgehen".

Liegt hier der wesentliche Grund für jene Opposition gegen Kurt Gscheidle, die seine Reformvorstellungen als "demokratischen Zentralismus" abqualifizierte, die den "totalen DGB" heraufkommen sah und vorübergehend dazu neigte, über Gscheidles Mißgeschick am Stuttgarter Platz wie ein Damenkränzchen zu Gericht zu sitzen?

Tatsächlich erinnern manche Reformwünsche Gscheidles an den gelernten Refa-Ingenieur mit einem Faible für wirksame Unternehmensorganisation. Im komplizierten Geflecht der gewerkschaftlichen Hierarchie brächten sie Straffungen auf Kosten des Entscheidungsspielraums auf den unteren Ebenen und bei den Einzelgewerkschaften. Da geht den Betroffenen das Wort "Technokrat" schnell über die Lippen.