Der Fernsehfilm über den "Kaufmann von Venedig" hat in manchen Kreisen hohe Wellen der Aufregung geschlagen. Man kann nicht ohne weiteres sich damit abfinden, daß hierzulande wieder ein Stück gezeigt wird das als die Urquelle des literarischen Antisemitismus angesehen wird. Bestand schon früher, vor Auschwitz, ein Unbehagen über die unbestreitbare Bühnenwirksamkeit dieser mit allen Sünden Israels und der Menschheit behafteten jüdischen Figur; so empfinden es viele heute nach dem millionenfachen Judenmord als geradezu aufreizend, dem deutschen Publikum eine solche Kost vorzusetzen. Den Verantwortlichen des WDR ist bestimmt nicht eine negative Absicht anzukreiden; es wirkt aber naiv, wenn sie zu ihrer Entlastung darauf hinweisen, daß die Shylock-Gestalt ja vom Juden Fritz Kortner dargestellt wird. Dieser geniale Schauspieler ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, aus seiner Rolle den letzten Tropfen theatralischen Effektes herauszupressen, und kreierte geradezu einen Super-Shylock, wobei die gutabgelauschte jüdische Gestik und Mimik diesen völlig unjüdischen Charakter als recht glaubwürdig erscheinen ließen. Die Szene, in der Kortner sich anschickt, ein Stück Fleisch aus Antonios Brust herauszuschneiden, ist scheußlich und widerwärtig und hat mit jüdischer Berufung auf Recht und Gesetz nicht das geringste zu tun. Das Judentum begann damit, daß sein Begründer Abraham das Messer wegwarf, um kein Blut zu vergießen, obwohl Menschenopfer damals noch legitim waren. Durch sein effektvolles Spiel hat Kortner die Absicht Shakespeares weit übertroffen.

Wir sehen im Mittelpunkt der Handlung einen Juden, der mit allen konventionellen Lastern seines Stammes behaftet ist: einen Wucherer, der keine anderen Ziele kennt als Geld; einen Blutsauger, den es danach dürstet, dem "königlichen Kaufmann" Antonio ein Stück blutigen Fleisches aus dem lebenden Körper zu schneiden; einen Verfemten, von seinem eigenen Kinde Jessica gehaßt; ein Schreckgespenst von theatralischem Effekt.

So gesehen, entspricht Shylock durchaus der traditionellen Gestalt, welche der Jude auf der Bühne und in der Vorstellung des christlichen Mittelalters einnahm: Wucher und blutgieriger Christenhaß. In dieser Art war der Jude hundertfach auf den europäischen Bühnen dargestellt worden. Man denke nur an die schaudervollen Mysterienspiele des dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts, wo Judas Ischarioth, Kaiphas und Annas die Urtypen für die unendlichen Varianten des gehässigen, geld- und blutgierigen Juden abgaben. Zur Zeit Shakespeares gab es im Elisabethanischen Drama nicht weniger als 71 Stücke, in denen der übliche jüdische Wucherer vorkommt. Das bekannteste davon ist Marlowes "Jude von Malta" aus dem Jahre 1591, welches eine der Quellen Shakespeares war, der daraus einige komische Szenen sowie den allgemeinen Typus des jüdischen Wucherers entlehnt hat. Die eigentlichen Motive entnahm er einem im Jahre 1579 erschienenen, heute verschollenen Stück: "The Jew". Es enthält insbesondere den seltsamen Pakt vom Pfund Fleisch, ein literarisches Motiv, welches häufig abgewandelt wurde, wobei die Rolle des Gläubigers ursprünglich überhaupt nicht einem Juden zufiel; erst die mittelalterliche Mentalität fand diese antisemitische Rollenverteilung angemessen. Es sei dies nur zu dem Zweck erwähnt, um darzutun, daß Shakespeare nicht eigentlich beabsichtigte, ein "antisemitisches" Tendenzstück zu schaffen, sondern daß er lediglich überlieferte volkstümliche Motive, übernahm, teilweise sogar ganze als theaterwirksam bekannte Szenen aus fremden Stücken entlehnte, um sie in seine Dramen einzubauen. Von einer konkreten antijüdischen Einstellung konnte auch deshalb feine Rede sein, weil es in der Elisabethanischen Zeit und unter den ersten Stuarts ja überhaupt keine Glaubensjuden in England gab. Der überwiegenden Mehrheit der Inselbewohner war der Jude ein exotisches Wesen, eine abstrakte Figur, höchstens aus den blutrünstigen mittelalterlichen Mysterienspielen bekannt, in welchen er automatisch als Christenmörder und als geldgieriger Judas Ischariot dargestellt wurde.

Das, was nun Shakespeares Shylock-Figur vor allen anderen Gestalten dieser Art auszeichnet, ist die psychologische Durchdringung des Charakters. Die Figur des Juden war ursprünglich als grauenerregendes Ungeheuer gedacht, von welchem sich das beschwingte Spiel in der heiteren venezianischen Atmosphäre um so wirkungsvoller abheben sollte. Wie Faust einen Pakt mit Mephisto schließt, der am Ende geprellt wird, so Antonio mit Shylock, dem Teufel in Menschengestalt, dessen Bestrafung das happy end sichern sollte.

Aber eben diese Wirkung hat Shakespeare nicht erreicht, und Schuld daran trägt der Umstand, daß er aus dem Ungeheuer, wie er es von seinen Vorbildern übernommen hatte, einen Menschen gemacht hat, mit Lastern und Vorzügen.

Shakespeare hat den Juden, bisher ein Schreckgespenst für seine christliche Umgebung, als deren Opfer gezeigt. Seither hat die Diskussion über den "Kaufmann von Venedig" nicht mehr aufgehört; zunächst die juristische Diskussion, wobei bedeutende Rechtsgelehrte zu dem Schluß kamen, daß dem Juden schließlich Unrecht geschieht; denn nach dem Rechtsempfinden jener Zeit, nach der damals in Europa noch geltenden Auffassung von Gläubiger und Schuldner (welche durchaus nicht aus dem mosaischen Gesetz stammte), war Shylock mit seiner Forderung im Recht, und der Urteilsspruch Porzias war nichts als ein juristischer Dreh. Aber auch ohne juristische Begründung fühlt der unvoreingenommene Beschauer nicht mehr die primitive Genugtuung an der Bestrafung Shylocks, wie etwa an der des Scheusals Barrabas in Marlowes Drama; dieser jüdische Kaufmann ist gar nicht mehr so sehr Scheusal, und der "königliche Kaufmann" Antonio gar nicht so königlich; Shakespeares psychologische Kunst hat die Extreme gemildert und das Menschliche, Allzumenschliche entdeckt. Und seit den großen Schauspielern Kean und Irving wurde, besonders in England und Amerika, Shylock nicht mehr als burleske, sondern als tragische Figur dargestellt.