Von Günther Kühne

Mit zwiespältigen Gefühlen sah man dem Ersten Programm des Deutschen Fernsehens am Abend der "Kaufmann-von-Venedig"-Aufführung entgegen. Künstlerisch hielt die Aufführung, was sie versprach. Dies gilt zumindest für Kortners Shylock. Davon soll hier nicht weiter die Rede sein. Die anschließende Diskussion – die den Ursachen jener Beklommenheit sowie ihrer Berechtigung oder Grundlosigkeit nachspüren sollte – lohnte die versäumte Nachtruhe kaum. Von den Äußerlichkeiten der Diskussionsleitung bis zur Substanz der Beiträge – eine einzige Enttäuschung.

Hätte man nicht, von allem anderen einmal abgesehen, bei Betrachtung des damaligen zeitgeschichtlichen Hintergrundes auch erwähnen sollen, daß im Jahre 1594, drei Jahre vor dem wahrscheinlichen Entstehungsjahr des "Kaufmann von Venedig", der jüdisch-portugiesische Konvertit und Leibarzt Elisabeths der Ersten, Roderigo Lopez, bei London gehängt worden war? Man hatte ihn beschuldigt, er habe die Königin vergiften wollen. Nichts von alledem in der Diskussion. Es wird Zeit, daß sich in den Fernsehanstalten die Einsicht Bahn bricht, derzufolge der Ertrag einer Diskussion in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Teilnehmerzahl steht.

Doch zur Sache. Kortners Interpretation der Rolle des Shylock kann man nur als objektive, nicht als historische Interpretation verstehen. Es lag ihm sicher nicht daran, die Vorstellungen deutlich zu machen, von denen sich möglicherweise oder wahrscheinlich Shakespeare bei der Entstehung des "Kaufmann von Venedig" hat leiten lassen. Kortner hat die Figur des Shylock innerhalb des Rahmens des ihm vorgegebenen äußeren Handlungsablaufs so interpretiert, wie er sie als historischer Urheber des Schauspiels mit den heutigen Erfahrungen und Erkenntnissen verstanden hätte. Also keine Verdeutlichung oder Nachzeichnung irgendwelcher realer historischer Vorstellungen, sondern Interpretation des von seinem historischen Urheber gelösten Schauspiels selbst. Dieses Verfahren hat seine volle Berechtigung, weil es allein erlaubt, die Problematik eines Theaterstückes aus seiner historisch bedingten Enge zu lösen und somit seinen zeitlosen Charakter zu bewahren.

Speziell im Hinblick auf die Gestalt des Shylock als der Verkörperung des Jüdischen fördert Kortners Interpretation gleichermaßen eine tiefe Wahrheit wie eine große Unwahrheit zutage. Die Wahrheit hat bereits Heinrich Heine in den Worten ausgedrückt: "Wenn ein Jude schlecht ist, dann ist er schlechter als ein Christ; wenn ein Jude gut ist, dann ist er besser als ein Christ." Gemeint ist jenes Phänomen, wonach sich in den Mitgliedern einer bedrängten Minderheitsgruppe allgemeine, im Menschen angelegte Eigenschaften verstärken und sogar bisweilen zu Extremen ausbilden. Marcel Reich-Ranicki hat vor einiger Zeit in der ZEIT zutreffend von der Radikalität der Juden gesprochen. Das hat – wenn ich ihn recht verstanden habe – nichts, oder doch nur wenig, mit Radikalität oder Radikalismus im landläufigen politischen Sinne zu tun, sondern zielte auf jenen in seiner allgemeinen Aussage im Grunde nur als rein formal zu verstehenden Vorgang der Verstärkung oder Potenzierung menschlicher Eigenschaften als Folge einer Bedrängnissituation ab. Wie beinahe alles ist natürlich auch dies nur cum grano salis zu verstehen. Es gibt auch in der mehrheitlichen nichtjüdischen Umwelt potenzierte Charaktere und umgekehrt bei Juden "normale", mittelmäßige Individuen. Aufs Ganze gesehen wird man aber doch wohl folgende Proportion aufstellen können: Die Stärke der Tendenz zur Potenzierung menschlicher Eigenschaften bei der Minderheit (Juden) verhält sich zu derselben Tendenz bei der Mehrheit (Nichtjuden) wie die Stärke der existentiellen Bedrängnis der Minderheit (Juden) zur existentiellen Bedrängnis der Mehrheit (Nichtjuden).

Dieser formale Potenzierungsvorgang erstreckt sich auf alle Inhalte, mithin auf alle materialen – guten und bösen – Eigenschaften. Er vollzieht sich überwiegend unbewußt, zuweilen aber auch bewußt. Welche guten und welche bösen Eigenschaften sich im Einzelfall potenzieren, hängt von den verschiedensten Umständen ab, zuallererst von der Grundanlage des Individuums. Da nun Shylocks Charakter von Shakespeare negativ vorgezeichnet ist, konnte Kortner bei seiner – zu billigenden – Ausgangsvorstellung gar nicht anders, als diesen Potenzierungsvorgang durch einen inhaltlich negativ überzeichneten Exzeßtyp deutlich machen. Dazu bedurfte es freilich auch einer genauso exakten – schauspielerisch allerdings nicht so dankbaren – Herausarbeitung jenes menschlichen Mittelmaßes der venezianischen Umwelt: sie alle, Bassanio wie Gratiano, die kaum existentielle Bedrohung, wenn auch durchaus menschliche Nöte kennen, sind etwas gut und etwas böse, etwas nachdenklich und etwas oberflächlich, etwas einfältig und etwas listig; kurzum: bei ihnen hält sich alles annähernd die Waage.

Anders Shylock. Welche guten und bösen Eigenschaften in welchem Ausmaße in den Mitgliedern einer bedrängten Minderheit potenziert werden, hängt außer von der individuellen Veranlagung nun wieder von Art und Dauer bereits früher erlebter, wie auch gleichsam "ererbter" Bedrängnisse sowie der Verarbeitung dieses Zustandes durch die Betroffenen selbst ab. Wie alles in der Welt bilden sich auch Charaktere dialektisch heraus. Daß Kortners Shylock so prononciert jüdisch-religiöse Züge trägt, dient dazu, den Kausalzusammenhang zwischen der Leidensgeschichte des jüdischen Volkes, also "ererbten" Bedrängnissen, und seinem – Shylocks – eigenem Verhalten, also seiner negativen Charakterpotenzierung, bloßzulegen. Gerade dadurch gewinnt er menschliche Züge: eine extreme, aber erklärbare Rachsucht berührt menschlicher als eine vielleicht etwas mildere, dafür aber unerklärbare.