Von Horst Krüger

Gegenwärtig kann man in unserem Lande oft besorgte Kommentare über die Zukunft unserer Demokratie hören. Parteivorsitzende, Minister, Verbandspräsidenten ermahnen uns, in dieser unruhigen und auf Veränderungen drängenden Stunde "die Republik zu verteidigen" – gegen die Kräfte des Extremismus. Im konservativen Lager unserer Mächtigen ist es neuer Stil geworden, sich ernst und sorgenvoll über die Stabilität und Lebensfähigkeit unseres politischen Gemeinwesens zu äußern – angesichts der Demonstrationen, der Rebellion, der Unruhe in unseren Städten.

"Gerade in den nächsten Monaten", so schrieb kürzlich der Schriftsteller Horst Bienek in der Süddeutschen Zeitung stirnrunzelnd, "wird es sich entscheiden, ob unsere zweite Republik stark genug ist, die extremen Kräfte von rechts und von links abzuwehren."

Du lieber Gott, der Satz mit der liebevollbetulichen Floskel "unsere zweite Republik" klingt so großartig, so prachtvoll und ist wohl nicht ganz untypisch: Er könnte wörtlich genauso von unserem Kanzler oder von Franz Josef Strauß formuliert sein.

Ich bin sicher, daß dieser Appell auf ungemein tiefe Instinkte in der deutschen Öffentlichkeit trifft – schon deshalb macht er mich mißtrauisch. Die Republik gegen den Ansturm der extremen Rechten und Linken zu verteidigen, dieser Aufruf geht nicht nur mühelos und glatt von deutschen Lippen, er geht auch tief in alle Ohren unseres Landes ein. Er läßt ungute Erinnerungen hochkommen, er spielt mit den glücklosen Versuchen der Deutschen, eine stabile und lebensfähige Demokratie aufzubauen, er appelliert an unterschwellige Schuldgefühle: das Ende von Weimar. Er projiziert eine Gefahr von draußen an die Wand, gegenüber der man sich zusammenschließen müsse. Für solche Zusammenschlüsse, "Formierungen" angesichts drohender Gefahr, hat man immer Verständnis und Tradition in unserem Land. Überdies setzt der Appell den Sprecher in das vorteilhafteste Licht demokratischer Gesinnung. Die Position ist sozusagen von unangreifbarer politischer Moralität: demokratische Sorge; sie wiegt schwer, wie die Meinungen in der Welt.

Trotzdem ist mir nie recht wohl, wenn ich solche Aufrufe höre. Warum? Bin ich nicht am Funktionieren einer exemplarischen Demokratie interessiert? Irgend etwas stimmt an dieser Gleichung nicht. Sie ist mir einfach zu pauschal und zu glatt, um nicht zunächst ein kräftiges Stück Mißtrauen in mir wachzurufen. Wahrscheinlich ist mein Demokratieverständnis anders und vielleicht, vielleicht etwas undeutsch? Ich hänge nicht so an dem gußeisernen Block, den man, etwas zu starr und stereotyp, "unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung" nennt. Es klingt immer wie Rekrutendrill auf Kasernenhöfen: "Stillgestanden – Demokratie!" Und jetzt auch noch "der Verteidigungsfall"? Ich zögere vor solchen Kasernenhöfen.

Ich kann in der Entwicklung extremer Flügel auf der rechten und linken Seite nicht grundsätzlich eine Bedrohung, einen Verfall von Demokratie sehen, sondern eher ihre historische Entwicklung und Ausfaltung. Ich neige eher zu der Meinung, daß die große Zeit der einsamen Entschlüsse Konrad Adenauers eine Zeit reduzierter, noch unentwickelter Demokratie war. Damals, als in den fünfziger Jahren der Kalte Krieg die Fronten Europas verhärtete und simplifizierte, war die Skala politischer Positionen reduziert. Mitten in Europa, wo ja nicht nur der Sozialismus, sondern auch der Faschismus seine historischen Wurzeln hat, waren beide Extremelemente unserer Geschichte plötzlich untergetaucht. Aus sehr verständlichen, sehr naheliegenden Gründen.