Paul Dessau: "Puntila"; Solisten und Chor der Deutschen Staatsoper Berlin, Staatskapelle Berlin, Leitung: Paul Dessau; Deutsche Grammoplion Gesellschaft 139 280/81, 50,– DM.

Am 19. Dezember wird Paul Dessau 75 Jahre alt – seine Oper "Puntila", vor drei Jahren uraufgeführt, ist noch immer eines der am weitesten sich vorwagenden und – aber nicht nur darum – wichtigsten Stücke neuer Musik in der DDR. Den Plan zu dieser Oper konnte Dessau noch mit Brecht, den er 1942 kennenlernte und für den er neun Schauspielmusiken und zwei Lehrstücke schrieb, besprechen – die Abfassung des Librettos mußte den Brecht-Schülern Palitzsch und Wekwerth übertragen werden. Brechts Forderung nach der "antikulinarischen", der "epischen Oper, in der die Musik den Hörer nicht narkotisiert, sondern zum Denken zwingt, wo sie nicht das Geschehen illustriert, sondern zu ihm Stellung bezieht, nicht Steigerungs- sondern. Interpretationsmittel ist, entsprach Dessau durch eine Verschmelzung von tonalenLied-Musiken mit zwölftönigen "Gesten", in denen die Charaktere entlarvt werden – die Falschheit des im Rausch menschenfreundlichen Puntila etwa, der bei zwölftöniger Verfremdung, den tonalen Schein des Menschlichen erhält. Mit dem Komponisten am Pult und der Besetzung der Ostberliner Uraufführung ist eine authentische und sicherlich dokumentarische Aufnahme entstanden, die besitzen sollte, wer auch nur ein klein wenig sich dafür interessiert, was "drüben" passiert. Herüber kommt eh schon wenig genug – und dies ist eines vom Besten. Heinz Josef Herbort