Wer in diesem Jahr 1969 in diesem Staat der Bundesrepublik Deutschland von einer Klasse der Ausgebeuteten spricht, bedarf erheblichen theoretischen Rüstzeugs, um sich den Blick auf die Wirklichkeit lukensicher zu verbauen. Gewiß gibt es noch "Ausbeuter" und "Ausgebeutete", aber sie lassen sich nur durch Vergewaltigung der Wirklichkeit noch zu Klassen formieren. Bei solcher Zwangssystematisierung verschwindet beispielsweise ganz ein interessanter und, wie uns scheinen will, recht bezeichnender Typ der arbeitsteiligen Industriegesellschaft: einer, der ausgebeutet wird und selber gleichzeitig andere ausbeutet.

Es gibt zwei Gruppen, die mit unschöner Regelmäßigkeit auf der Seite der Ausgebeuteten stehen: Minoritäten (Juden, Humanisten, Neger, Liberale, Homosexuelle) und Frauen.

Ob im Parlament des Kanzlers oder in des Kanzlers Außerparlamentarischer Opposition: die Frauen ziehen den kürzeren. Ein paar weibliche Renommierprominenzen von Hildegard Hamm-Brücher und Hedda Heuser bis zu Ulrike Marie Meinhof und Antonia Grunenberg ändern daran ebensowenig wie die bis zur Geschmacklosigkeit wiedergekäute Feststellung, "die Frauen" wollten das ja im Grunde gar nicht anders. Unter Menschen wollen viele, was sie wollen sollen.

Erregen wir uns nicht zu wenig darüber, daß der nicht geradezu als radikalprogressiv verschriene Bundesgerichtshof die Regierung mahnen muß, nun endlich einmal ernst zu machen mit der im Grundgesetz etablierten Gleichstellung unehelicher Kinder (wobei es ja vor allem Frauen sind, die unter der "Schmach" zu leiden haben)? Ist es nicht eigentlich ein trauriges Zeichen, daß es unter den Repräsentanten der Bundesrepublik im Ausland, im diplomatischen Dienst also, kaum Frauen in leitender Stellung gibt? Warum werden Pillen immer nur für Frauen entwickelt? Wieso sind die wenigen weiblichen Wesen, die man in TEE-Zügen oder in den besseren Hotels trifft, fast immer nur fremdfinanzierte Luxusgeschöpfe? Warum gibt es so viele Studentinnen und so wenige Professorinnen?

Wenn irgend jemand in diesem Lande Grund hätte, auf Revolution zu sinnen, dann wären es die Frauen.

Große Themen haben die verteufelte Neigung, im pauschal Unverbindlichen zu verpuffen. Jeder sagt "ja, ja, so ist es leider", und keiner fühlt sich getroffen.

Man muß sich auf ein ganz klar und scharf umgrenzbares Gebiet konzentrieren, wo die Verantwortlichen mit dem, was sie tun, und mit dem, was sie sträflich unterlassen, deutlich sichtbar werden.