Von Fritz Brühl

Ernst Johann: "Innenansicht eines Krieges. Bilder, Briefe, Dokumente 1914–1918"; mit 16 Bildtafeln und 21 Abbildungen im Text; Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt am Main 1968; 360 Seiten, 24,– DM.

Hinter den schlichten Buchstaben E. J., mit denen die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" nun seit Jahren ihre Fernsehkritiken zu zeichnen pflegt, verbirgt sich niemand anderes als Ernst Johann, Generalsekretär der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, ehedem Feuilletonredakteur der "Kölnischen Zeitung". Dem aus Schifferstadt in der Pfalz gebürtigen Autor bot schon vor dreißig Jahren das kaiserlich-preußische Deutschland Verdachtsgründe genug, was dessen Beziehung zu Vernunft und Menschenwürde anging. Johann hat 1966 Reden Wilhelms II. herausgegeben. Jetzt legt er einen Band vor, der die krampfige Steigerung preußisch-kaiserlicher Attitüden vor dem Hintergrund der Kriegszeit 1914 bis 1918 spiegelt.

Um zur Innenansicht dieses Krieges zu gelangen, hielt es der Verfasser für notwendig, das deutsche Haus jener Jahre in grellste Illumination zu setzen, damit kein Winkel unausgeleuchtet blieb. Der Befund ist schreckenerregend. Schon immer war den Kundigen deutlich gewesen, daß sich die Deutschen in ihrer überwältigenden Mehrheit Jahre hindurch einem Rausch von Nationalismus hingegeben hatten, der oft an der Funktion ihrer Vernunft zweifeln ließ. Johanns Buch belehrt darüber, wie alle Lebensbereiche und alle Bevölkerungsschichten von einem Verhängnis umgriffen wurden, das dem Psychologen noch heute Rätsel aufgeben muß. Zugegeben, daß die Sammlung auch von extremsten Fällen des Wahns nicht die Legitimation des Repräsentativen hat, zugegeben auch, daß Pathos und ungezügelte Emotion vor einem halben Jahrhundert in aller Welt als erlaubte Bekundungen des nationalen Selbstverständnisses galten – die Johannsche Zusammenstellung erweckt jedenfalls noch heute eine Betroffenheit, in der sich Empfindungen der Scham mit denen der Hilflosigkeit mischen.

Die schockierende Wirkung, die von diesem Buch ausgeht, rührt wohl in erster Linie daher, daß es – vermutlich zum erstenmal – die totale Infiltration des Daseins durch nationalistische Selbstüberschätzung beweist. Sie wird nämlich belegt durch Kriegsgedichte, Gerichtsurteile, Romanauszüge, Predigtstellen, Tagebuchblätter, Briefpassagen, Armeebefehle, Verwaltungsanweisungen, Glückwunschtelegramme, Zeitungsinserate und anderes, und in dieser Ballung entsteht ein Panorama von Unverstand und Unvernunft, das so überzeugend noch nicht vorgestellt worden sein mag. Hilfreich bei alledem waren dem Herausgeber aber nicht nur die gängige Poesie und Prosa – jener Zeit, sondern auch die Fülle dessen, was sich an Plakaten, Zeitungsköpfen, Bucheinbänden, Signets, Flugblättern, Heldengedenkstichen, Altardecken und so weiter anbot; auch hier sagt ja der unverfälschte, unverbrämte Alltag des Durchschnittsbürgers oft mehr aus als die überhöhende Literatur.

Dennoch wirkt in besonderem Maße beklemmend, was die geistige Welt jener Jahre meinte tun und nicht zu unterlassen müssen. Johann stellt die "Berauschten" geschickt jenen gegenüber, die sich zu bewahren und zu bewähren wußten. So finden sich im nationalistischen Pferch (sicher zur Überraschung vieler Leser unserer Tage) eben nicht nur Josef Windder, Hans von Wolzogen, Johannes Müller-Elmau, Will Vesper, Ludwig Ganghofer, Hermann Lietz, sondern auch Rudolf Eucken, Werner Sombart, Friedrich Gundolf, Hermann Stehr, Gerhart Hauptmann, Stefan George, ja selbst Stefan Zweig, Leopold Ziegler, Carl Sonnenschein und Wilhelm Waetzold. Mögen Intensität und Dauer dieser Verwirrung unterschiedlich sein – beispielhaft dafür Kasimir Edschmid, welcher bekannte, erst habe er geheult, weil er als Freiwilliger nicht genommen worden sei, heute denke er anders –, so bleibt doch die Sünde der Verzückung. Aber festzuhalten bleibt auch, daß eben Heinrich Mann, Johannes R. Becher, Rudolf Borchardt, Hugo Ball, Fritz von Unruh, Annette Kolb, Franz Werfel, Friedrich Wilhelm Foerster, Max Weber und andere ihr nicht anheimgefallen sind. Daß freilich nicht nur Schriftsteller im Zeichen des Mars das Gesetz, nach dem sie angetreten (sein sollten), verleugnen, sondern auch Hofprediger, Divisionspfarrer, Theologieprofessoren und Prälaten, auch dafür reicht das Buch Beispiele in einem Umfang dar, der die Kirchen rundweg als Staatsanstalten erscheinen läßt.

Tröstlich, daß sich daneben ein "Laienschrifttum" entfaltet hat, das in seiner unverbildeten Kraft die Professionals vielfach beschämt. Ein paar Kriegsbriefe gefallener Studenten (aus Witkops gleichnamiger Sammlung des Jahres 1928) gehören dazu wie auch das Tagebuch des Marinesoldaten Richard Stumpf, dessen Aufzeichnungen als "Naturgeschichte eines Aufstandes" (auf dem Linienschiff "Helgoland") eine chronologische Stütze des ganzen Buches bilden. Ähnlich verwandt worden sind als "Naturgeschichte einer Deportation" Dienstanweisungen, die sich mit der Verschleppung von Arbeitern aus Lille ins Innere Frankreichs befassen; hier kündigt sich ein Barbarismus an, der im Zweiten Weltkrieg zu noch größerer Perfektion gedieh. Alle diese Dokumente wirken durch sich selbst: Sie verraten soviel Blindheit, Haß und Überheblichkeit der Akteure, daß sie oft als Parodie ihrer selbst erscheinen. Angesichts dieser Selbstentlarvung hätte der Finger des Schulmeisters in den verbindenden Texten weniger häufig sichtbar werden sollen.