Im Jahr 1964 schreckte Präsident Johnson den S. normalen Zeitungsleser mitten aus heiterem Kimmel mit der Ankündigung auf, es werde einen "Krieg gegen die Armut" geben. Weithin wurde diese Fanfare zynisch als reine Stimmenfängerei ohne wirklichen Wert gedeutet. Denn fürwahr: Stimmte denn nicht, was die Zeitungen immer wieder betonten, in den Vereinigten Staaten mit ihrem hohen Lebensstandard gebe es keine echte Armut?

Seitdem aber ist das Land als Folge der vielen offiziellen Erklärungen und insbesondere nach dem Erlaß des Anti-Armut-Programms über eine Milliarde Dollar Schritt für Schritt mit der zunächst seltsamen und sogar subversiv anmutenden Vorstellung vertraut gemacht worden, daß die materielle Not in den USA eben doch allgegenwärtig ist.

Inzwischen hat sich die Diskussion verlagert – wie immer, wenn die haarspaltenden Dialektiker sich ihrer bemächtigen. Es geht jetzt darum, wieman den Begriff Armut eigentlich definieren soll. Sargent Shriver, der Schwager John F. Kennedys und Chef des Amtes für wirtschaftlichen Aufschwung, will eine vierköpfige Familie dann als arm klassifizieren, wenn sie im Jahr weniger als 3000 Dollar verdient, und eine Einzelperson bei einem Jahreseinkommen unter 1500 Dollar. Das würde nach den Statistiken der, Universität Michigan auf mehr als 30 Prozent aller Familien zutreffen. Inzwischen hat Shriver seine Zahlen auf 3130 und 1540 Dollar erhöht.

Wie vorauszusehen war, hat die US-Handelskammer Shrivers erste Richtzahl für den Begriff Armut als zu hoch angegriffen. "Die Handelskammer bezieht sich bei ihrer Kritik an dem ersten Maßstab auf die Tatsache, daß eine kleine Familie in einem warmen Klima und mit der Möglichkeit, die meisten Nahrungsmittel selbst zu erzeugen, mit jährlich 3000 Dollar ganz gut über die Runden kommen könne", schrieb die New York Times.

Mr. Shriver, selbst ein reicher Mann, hat kürzlich festgestellt, daß 35 Millionen amerikanische Familien in Armut leben und von den Hilfsprogrammen nicht erfaßt werden. Wenn man annimmt, daß jede arme Familie drei Personen zählt – viele sind größer –, dann sind das 105 Millionen Menschen bei einer Gesamtbevölkerung von 180 Millionen.

Ziemlich beschränkt, wie sie sind, haben die Leute von der Handelskammer gar nicht erkannt, daß die Regierung einen neuen und gleichwohl irreführenden Maßstab setzte, als sie sich (ob nun aus humanitären oder egoistischen Motiven) mit dieser ernsten Sache befaßte: das Einkommen. Durch die Jahrhunderte wurde der Begriff Armut immer als Mangel an Eigentum definiert.

Nach Shrivers Maßstab gilt eine Familie, die ein unsicheres Einkommen von 6300 Dollar im Jahr hat, nicht als arm. Seine Richtzahl stempelt zwar viele Amerikaner als arm, die meisten jedoch nicht – selbst wenn sie nichts besitzen, was der Rede wert wäre. Shrivers offizielle Methode erweckt den Eindruck, daß die meisten Leute bei uns fein heraus seien. Und das ist wohl kaum richtig. Für meinen Teil möchte ich sagen: Arm ist, wer nicht über einen nennenswerten Besitz verfügt, der wirkliche Erträge abwirft; arm ist weiterhin, wer aus seinem Arbeitseinkommen keinerlei Ersparnisse auf die hohe Kante legen kann oder aber keine wohldotierte langfristige Position hat. Ein solcher Mensch mag gesund, strahlend und das Entzücken seiner Freunde sein – aber er ist arm.