Von Salcia Landmann

Durch zweierlei ist der russisch-jüdische Schriftsteller Ilja Ehrenburg, in Deutschland vor allem bekannt. In positivem Sinn durch seinen Roman "Tauwetter" – der Titel ist zum Schlagwort geworden, um die vorübergehende Lockerung des – inquisitorischen Drucks nach Stalins Tod zu kennzeichnen. Im negativen Sinne durch seinen Aufruf an die russischen Truppen im Zweiten Weltkrieg – die heftigen Formulierungen werden ihm in Deutschland bis heute übelgenommen. Man vergißt, daß damals die Kamine von Auschwitz rauchten.

Es gibt von Ehrenburg, der 1967 in der Nähe von Moskau starb, sehr viele Romane, Novellen, Essays. Schlecht ist nichts, was er schrieb. Den Stempel der Genialität tragen aber nur zwei Bücher, die er kurz nach dem Ersten. Weltkrieg schrieb: "Juljo Jurenito" und

Ilja Ehrenburg: "Das bewegte Leben des Lasik Rojtschwantz", aus dem Russischen von Waldemar Jollos; Kindler Verlag, München; 280 S., 20,– DM.

Sicher ist es kein Zufall, daß beide Bücher, wenn auch auf verschiedene Art, als einzige Werke Ehrenburgs aus seinem jüdischen Geisteserbe schöpfen.

In Jurenito begegnen wir einem mexikanischen Revolutionär, der, obwohl Nichtjude und obwohl er dem einzigen Juden unter seinen Jungfern, Ehrenburg, nicht einmal Sympathie entgegenbringt, dennoch aus altprophetischen und talmudischen Gedanken heraus lebt. Er träumt von einer endzeitlichen Revolution, die eine frohe, völlig schuldlose Welt gebären wird. Und er teilt die Auffassung des Talmud, wonach dieses Paradies erst entstehen wird, nachdem die Welt durch eine Hölle von Blut und Schuld (die "Wehen des Messias" nennt es der Talmud) hindurchgegangen ist. Daher fördert er kühl, rational und aktiv Krieg, Wirren und den Druck im nachrevolutionären Rußland.

Aus völlig anderem Holz ist Lasik Rojtschwantz geschnitzt, der arme, jüdische Schneider aus der Ukraine. In ihm lebt nicht alttestamentliche Härte, er verbindet talmudischen Denkschliff mit einem chassidisch entflammten Herzen. Er träumt von einer Welt der Güte und Nächstenliebe und, weniger scharfblickend als der Mexikaner, erhofft er sie (hierin übrigens nicht unterschieden vom Großteil der russisch-jüdischen Intelligenz) von der russischen Revolution. Da aber erweist sich, daß die Revolution zwar das unterste nach oben gekehrt, nicht aber die Menschen verändert hat. Der unglückliche Lasik gerät in ein Spinnennetz von Denunziationen und Intrigen, landet im Gefängnis und muß aus der UdSSR fliehen.