Von Eduard H. Steenken

Der Eindruck zerbröckelnder, aber romantischer Dörfer verstärkt sich, wenn man rund 100 Kilometer von Grenoble in der alten Dauphiné-Provinz den beherrschenden Paß de lä Croix-Haute hinter sich hat und auf guten Seitenpfaden in das Departement La Drôme fährt. Die Tannen werden spärlicher, Lavendelkulturen beginnen, die kaum der Pflege bedürfen, die mächtigen Hänge der Dromer Alpen sind hier kahl, dort mit Buchs und wildem Thymian bedeckt. Der Tourette-Paß ist menschenleer. Man begegnet allenfalls einer kleinen Arbeitergruppe mit einer gelben Maschine, die einen Straßenrand ausbessert. Nichts mehr von Lärm und Verkehr Europas.

Das am Hang gelegene Montmorin – Bild einer mittelalterlichen Siedlung – besteht zur Hälfte aus verlassenen Häusern. Die Dächer fehlen. Mauern von gelblichem Stein mit Flieder und Wildröschen. An einer Kehre des engen Dorfgäßchens, in das kein Auto einfahren kann, sitzen drei alte Leute mit Spitz an einem Tisch, auf dem die Zeitung der Region, "Le Serrois", liegt, und blicken ins Tal, in das die Birnenkulturen weiße blühende Bänder wirken. Eine vollendete Idylle des achtzehnten Jahrhunderts. Damals übrigens zählte der Ort über achthundert Einwohner, besaß ein Notariat und eine Gendarmerie.

Der Uhrturm hat längst keine Uhr mehr. Man muß die Tür zu der romanischen Kirche mit Gewalt aufstoßen. Eine alte Frau erzählt in singendem Dialekt von jenen Tagen, als hier alles in Blüte stand. Im Sommer kommen Marseiller Familien mit kleiner Börse hier herauf, mieten ein notdürftig instand gesetztes Haus, stellen einen grellen Sonnenschirm auf die Terrasse, beleben für drei Monate den Ort, der von schweigsamen Bergen umgeben ist.

Erosionsflächen glimmen in freundlichem Mausgrau oder in dunklen Eisentönen. Unendlich einsame Täler eröffnen sich, die man im trockenen Sommer, hart an steilen Abgründen vorüber, sogar befahren kann.

In Bruis begegnet man Gehöften, die hier und da von Grenobler und Pariser Familien wieder, hergerichtet wurden. In La Charce, einem winkligen Felsnestchen, in dem alle Hunde anfangen zu bellen, wenn ein Fremder kommt, gibt es ein prächtiges Renaissance-Schloß – das zerfällt. Das wundersame Ouletal, wo man Versteinerungen von Schnecken findet, führt nach La Motte Chalençon, das im Sommer immmer mehr von Touristen aufgesucht wird. Wildgezackte Felspartien erheben sich in der Umgebung. Zur Zeit der Blüte durchzieht der Duft des Lavendels die Gäßchen. In den wenigen Gasthäusern wird der Krammetsvogel mit Kresse serviert.

Der Wirt Rochet in Bellegarde sieht aus wie eine Figur aus einem Roman Stevensons. Sein Pate du Gite (Wachtel- und Drosselfleisch, reich gewürzt), eine gastronomische Delikatesse, ist das Entree eines köstlichen Menüs zu zwölf französischen Franken, zu dem drei Karaffen Wein, weißer und roter und ein Rose, gratis hinzugegeben werden.