Man muß zugeben, daß dieses Problem einigermaßen platonisch ist – nicht sosehr darum, weil sich Platon seinerzeit damit befaßte, sondern eher darum, weil sich niemals jene damit abgaben, die diese Welt (stückweise) in der Hand hatten, also die einzigen, für die diese Frage nicht platonisch ist. Taten sie es doch, dann verneinten sie die Frage, ohne zu zögern. Der alte Abul Faradsch zitiert in seinen Kurzweiligen Geschichten, die im 13. Jahrhundert auf Grund eines für damalige Zeiten altehrwürdigen Materials zusammengestellt wurden, den Ausspruch eines mohammedanischen Königs, der also zu seinem Weisen sprach: "Ich bin viel vernünftiger als du, und du bist viel gelehrter als ich. Und deshalb wirst du uns vor dem versammelten Volk nicht belehren und uns nichts sagen, wonach wir dich nicht fragen werden." In der russischen Übersetzung lautet der Anfang des ersten Satzes ein wenig anders: "Wir Herrscher sind viel praktischer als du...", aber der Sinn ist derselbe und die Schlußfolgerungen klar – alle Herrscher sprechen eine klare und eindeutige Sprache in Büchern, die ein paar hundert Jahre nach ihrem Tod herauskommen.

Damals ging es allerdings noch nicht um Wissenschaftler, sondern um Weise, Gelehrte oder Philosophen – Freunde der Weisheit. Vielleicht war es zu dieser Zeit nicht einmal ein so irriger Gedanke, die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten den Freunden der Weisheit zu überlassen. Wenigstens ein einziges Mal in der Geschichte wäre es eines Versuches wert gewesen. Den Feinden der Weisheit bot sich hinreichend Gelegenheit, und man kann nicht behaupten, daß sie viel Gutes zuwege gebracht hätten.

Jetzt haben wir allerdings Wissenschaftler statt Gelehrte – die Nuance von Bescheidenheit, die den Unterschied zwischen beiden Wörtern bildet, wäre des Nachdenkens wert –, und statt Freunden der Weisheit haben wir Spezialisten. Außerdem haben wir noch Intellektuelle und Intelligenzler, aber niemand weiß, was das bedeutet, sofern es sich nicht um Schimpfwörter handelt. Die Frage wird also immer komplizierter.

Ich kann mir vorstellen, daß ein hervorragender Spezialist in irgendeinem Fach die Forschung auf seinem Spezialgebiet in einem nationalen Rahmen oder gar im Weltmaßstab ausgezeichnet leiten könnte, auch wenn er notwendigerweise, da er mit neuen Aufgaben überhäuft wäre, bald aufhörte, ein hervorragender Fachmann zu sein. Ich sehe aber nicht ein, warum er auf Grund seiner hohen fachlichen Qualifikation bessere Voraussetzungen für die Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten haben sollte als jemand anderer, Heutzutage bedeutet das aber auch nicht, daß er auf Grund seiner fachlichen Qualifizierung schlechtere Voraussetzungen als jemand anderer für die öffentliche Verwaltung haben müßte, wenn auch jede wissenschaftliche Spezialisierung doch eine Spezialisierung – also eine Beschränkung – des Denkens darstellt. Ich bin eben einfach nicht überzeugt davon, daß das Fehlen einer fachlichen Qualifizierung an und für sich jemand für die politische Tätigkeit qualifiziert, auch wenn es ihm gewisse Voraussetzungen dafür bietet, zum Beispiel genügend Zeit für die Ausübung eben dieser Tätigkeit. Offenbar sind in Fächern, wo niemand Fachmann ist, andere menschliche Qualitäten entscheidender als Fachwissen, auch wenn ich nicht glaube, daß man in diesem Fall ohne weiteres feststellen kann, welche das sind.

Was würde aus der Welt werden, wenn die Wissenschaftler sie verwalteten?

Ich habe gelesen, wie sich einige Wissenschaftler die Zukunft der Gattung Homo sapiens vorstellen. Einer dieser Herren plant die serienmäßige Produktion genialer Menschen, von denen Dutzende Stück für Stück gleichartig im Laboratorium hergestellt werden. Ein anderer wieder hält es für möglich, einen Menschen hervorzubringen – falls man dieses Geschöpf noch so bezeichnen kann –, der die Verbindung eines Lebewesens mit elektronischen Geräten darstellen würde. Dieses leistungsfähige Superwesen würde seine Ernährungsfunktionen vor allem "mit Hilfe eines vollkommenen Reinigungssystems, wobei die Nahrungsreste wieder verwertet würden" befriedigen, und seine "sexuellen Bedürfnisse und Emotionen könnten wenigstens teilweise durch ein Einwirken auf die betreffenden Gehirnzentren befriedigt werden".

Ich glaube, daß wir uns nach längerer oder kürzerer Diskussion darauf einigen könnten, daß dies eine durchaus antimenschliche Vorstellung ist. Unter der Voraussetzung allerdings, daß wir Kategorien wie "Menschlichkeit" oder "Humanismus" als moralisch gesellschaftliches Korrektiv ansehen, das die Menschheit vor der Selbstvernichtung schützen soll.