Von Hans Peter Bull

Die Zeit des Eigenlobs ist vorbei. Die Richterschaft, noch vor einigen Jahren ein festgefügter Block, dem der Esprit de Corps über alles ging, der dem Volke stets aufs neue die hohe Würde seines Amtes vor Augen hielt, im übrigen aber am liebsten unter sich blieb und jede journalistische Urteilsschelte als a priori unverständig ablehnte – diese Richterschaft gibt es nicht mehr. Zwar ist es vorläufig erst eine "kleine radikale Minderheit", die wider den Stachel des "offiziellen" richterlichen Selbstverständnisses lockt, die sich nicht scheut, Kollegen zu tadeln, die sogar mit scharfer Ironie darangeht, die dicke Lackschicht der Leerformeln und Vorurteile abzukratzen, mit der man den harten Kern des Rechts bedeckt und oft genug zugedeckt hat. Doch daß es erst wenige sind, besagt nichts über ihr Gewicht – die Schar der kritischen Richter wächst auch ständig.

"Wir müssen schärfer, boshafter und spöttischer argumentieren", meint einer von ihnen, der Godesberger Landgerichtsrat Fritz Hasse – weil all die klugen und engagierten Aufsätze, zum Beispiel zum Thema Ausbildungsreform, die seit Jahren immer wieder geschrieben wurden, nichts ausgerichtet haben. Dieser Devise folgt er denn auch ebenso wie die anderen Autoren eines Sammelbandes, der zur Lektüre empfohlen sei:

Theo Rasehorn / Helmut Ostermeyer / Fritz Hasse / Diether Huhn: "Im Namen des Volkes? Vier Richter über Justiz und Recht"; Reihe "Demokratie und Rechtsstaat", Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied und Berlin 1968; 239 S., 16,50 DM.

In der Tat: hier wird respektlos argumentiert. Die vier Autoren urteilen (zugegebenermaßen) subjektiv, aber erkennbar aus Sorge um unsere Verfassung, aus Furcht vor Rechtsperversionen, die auch im demokratischen Staat möglich sind.

Die Verfasser bilden (noch?) keine "Gruppe 47 der deutschen Justiz". Theo Rasehorn, mit fünfzig Jahren der älteste von ihnen, hat sein Unbehagen schon manches Mal artikuliert, insbesondere (unter dem Pseudonym Xaver Berta) in dem in der gleichen Reihe erschienenen "Paragraphen-, turm". ist Richter am Oberlandesgericht Koblenz und zahlt sich zum "Kreis um die progres-siv-katholischen ‚werkhefte‘". Helmut Ostermeyer (Jahrgang 1928) ist Jugendrichter in Bielefeld und Mitglied der Humanistischen Union, Diether Huhn (1935) Landgerichtsrat in Berlin und Mitglied der Christlich-Demokratischen Union. Fritz Hasse schließlich (1933) ist am Landgericht Bonn tätig und schreibt nebenher Reportagen für Lokalzeitungen. Was dieses ungleiche Quartett, das sich bis vor kurzer Zeit nicht kannte, verbindet, ist nach dem Vorwort "das Leiden an Justiz undRecht, ist das Empfinden, beim Betreten unserer Justiz-,Paläste‘ die Zeitmaschine von Wells zu besteigen, die flugs um zwei Generationen zurückführt".

Mit verschiedenen Methoden versuchen die vier ihren Eindruck zu belegen: Richter-Soziologie an Hand einzelner Ereignisse, Urteile und anderer Publikationen. Die juristische Ausbildung wird besprochen, ein Jahrgang (leider ein älterer) der "Deutschen Richterzeitung" durchgekämmt (mit Ergebnissen, die den Eingeweihten nicht überraschen, aber in der Zusammenstellung doch recht wirkungsvoll sind), die Politik des Richterbundes höchst mißtrauisch unter die Lupe genommen. Es ist legitim, die Vorstellungen und Einstellungen der Richter auf diese Weise aus ihren Äußerungen zu erschließen, und der Ertrag mancher Beiträge läßt ahnen, wie viele Erkenntnisse auf diesem Wege zu gewinnen wären, wenn man diese Aufgabe mit größeren Teams und streng systematisch anginge.