Von Thilo Koch

Voltaire nannte ihn einen großen Windhund. Seine Bücher ergötzten Goethe und Friedrich II. von Preußen. Er machte Schule: Proust, Stendhal, Constant sind ihm verpflichtet. Diderots "Indiskrete Kleinode", Laclos’ "Gefährliche Liebschaften" hätten ohne ihn kaum geschrieben werden können. Ludwig Tieck nannte ihn einen durchaus zu verwerfenden Autor, "der die edlere Natur des Menschen verkennt und von dem Vorwurf einer verdorbenen Phantasie und eines zu nüchternen Herzens nicht freizusprechen ist". Casanova war sein Zeitgenosse und lernte bei seinem Vater Französisch. Er war ein Mode-Autor des Rokoko, Dennoch legte er ohne Umschweife die gepuderte Perücke ab, wenn er "sein nüchternes Herz" sprechen ließ: "Man gefällt sich, man nimmt sich. Langweilt man sich miteinander, verläßt man sich mit ebensowenig Umständen, wie man sich genommen hat. Bekommt man wieder Lust aufeinander? Dann nimmt man sich wieder mit der gleichen Leidenschaftlichkeit, als finde man sich zum erstenmal zusammen. Wieder verläßt man sich ohne jeden Streit. Es ist wahr, das alles hat mit Liebe nichts zu tun – aber was war die Liebe auch weiter als ein Begehren, das zu übertreiben man sich gefiel, eine Regung der Sinne, aus der die menschliche Gesellschaft eine Tugend gemacht hatte?"

Das erzählerische Gesamtwerk Claude Prosper Jolyot de Crebillons erscheint jetzt zum erstenmal vollständig –

Crebillon der Jüngere: "Das erzählerische Werk" in 8 Bänden, herausgegeben von Erich Loos, aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens, Erika Hönisch und Ernst Sander, mit 64 farbigen Illustrationen von Heinz Trökes nach Motiven des achtzehnten Jahrhunderts; Propyläen-Verlag, Berlin; Subskriptionspreis pro Band Ln. 35,– DM, Hld. 45,– DM.

Bisher liegen vor: Band II, III, VII. 1969 werden die Bände IV, V, VI, VIII erscheinen. Im Frühjahr 1970 soll die Ausgabe mit dem I. Band abgeschlossen werden. Der Propyläen-Verlag vertreibt das Werk mit umsichtiger und reizvoller Werbung; es ist offenbar sein derzeitiges Lieblingskind. Es ist das dritte in einer Reihe sorgfältig edierter galanter Autoren des achtzehnten Jahrhunderts. Der einleitende Gongschlag war die erste Ausgabe des vollständigen und authentischen Textes der Casanova-Memoiren in 12 Bänden. Es folgte das erzählerische Gesamtwerk Diderots in vier Bänden. Die drei Werkausgaben zeichnen sich schon äußerlich aus durch schönen Einband, Satz und Druck und gute Illustrationen. Der Frankfurter Graphiker Gotthard de Beauclair hat an der Präsentation dieser Bücher, die zu den schönsten des deutschen Büchermarktes dieser Jahre gehören, ein ähnliches Verdienst wie Celestino Piatti an der dtv-Produktion.

Anders als die große, einzigartige Lebensbeichte des Casanova war Crebillon für mich keine Liebe auf den ersten Blick. Ich geriet zuerst an den "Schaumlöffel", eine Märchenerzählung mit vielen Rokokoranken, die sich so lange zäh ineinander verschlingen, bis sie die Geduld des Lesers erdrosselt haben. Heute kaum noch zu begreifen, daß gerade dieses Buch seinen Autor ins Gefängnis brachte, weil die Zensur es als unsittlich empfand. Politisch-satirische Anspielungen gegen den Hof, den Klerus, den Adel sind heute kaum noch verständlich und werden auch durch die sorgfältigen Anmerkungen nicht viel interessanter. Auch die angebliche Frivolität der Geschichte bleibt so allegorisch, daß sie kaum einen Leser aufregen wird, der den stärkeren Tobak unserer Epoche gewöhnt ist. Und was als Essenz des "Schaumlöffels" bezeichnet wird, müßte schon origineller, witziger, faßlicher dargestellt sein: Held und Heldin der Erzählung können sich nur dann zufriedenstellend lieben, wenn sie zuvor einander spaßeshalber und wechselweise untreu waren.

Ganz anders erging es mir mit dem Dialog-Roman "Die Nacht und der Augenblick". Der Herausgeber nennt dieses Buch Crebillons bestes. Tatsächlich treten hier die Qualitäten dieses Autors sofort kräftig und beredt in Erscheinung. Die Liebe, sein einziges Thema, wird einer gnadenlosen, selbstquälerischen Vivisektion unterzogen. Ein kaltes Feuer beseelt diese frühe, intuitive Psychologie. Ihr Ergebnis: Der Antrieb des Mannes, ist seine berechnende Wollust; eine katzenhafte Koketterie treibt die Frau, und so kämpfen sie Runde um Runde – zunächst am Rande des Bettes und dann nicht mehr am Rande. Faszinierend die Intensität, mit der Crebillon seinen Dialog choreographisch arrangiert. Es wird eine förmliche Sarabande daraus, ein Schreiten, Drehen und Verneigen, ein Locken und Versagen. Bis in die Syntax überträgt sich die knisternde Spannung der trickreichen Suite.