Von Peter von Zahn

Mit August dem Starken habe sich das Genie des sächsischen Herrscherhauses erschöpft, ist einmal gesagt worden. Die Wettiner haben jedoch nach ihm noch eine Reihe recht anziehender Erscheinungen hervorgebracht. Sie sammelten Kunst, übersetzten Dante, förderten die Oper, sprachen (wie die Prinzessin Mathilde) zehn Sprachen fließend, sie musizierten und schrieben viel. Maximilian, der Bruder des letzten Königs, war katholischer Priester, Professor der Theologie und Verfechter der Ökumene zu einer Zeit, als das noch strenge Verweise von Rom eintrug. Der letzte Kronprinz trat nach dem Ende der Monarchie in den Jesuitenorden ein.

Sein jüngerer Bruder, Ernst Heinrich, hat jetzt seine Lebenserinnerungen vorgelegt:

Prinz Ernst Heinrich von Sachsen: "Mein Lebensweg vom Königsschloß zum Bauernhof"; List Verlag, München 1968; 303 S., 23,– DM.

Er gehört allerdings zu dem anderen, dem hausbackenen Erscheinungsbild der Wettiner: mehr Familienvater als Staatsmann oder Soldat; durch und durch Landwirt und Gutsverwalter, ohne die Neigung für Sozialpolitik, welche seinen priesterlichen Bruder auszeichnete; begeisterter Jäger, aber ganz und gar kein Fallensteller in der Politik. Insofern ähnelt er seinem Vater, Friedrich August, den er verehrte und dessen bürgerliche Abneigung gegen wilhelminischen Prunk er teilt. Leider verliert er kein Wort über die durchgebrannte Mutter und bereichert unseren Anekdotenschatz von seinem Vater nicht. Dafür malt er das unprätentiöse Leben am Dresdner Hof mit Behagen aus. Als Zehnjähriger züchtete er bereits Hühner und verkaufte die Eier das Dutzend für 45 bis 60 Pfennig an den Schloßkoch. Ein frühwacher Geschäftssinn, der dem Prinzen später als Verwalter des wettinischen Vermögens und heute auf seinem Gut in Irland wohl zustatten kommt.

Das erste große Erlebnis im gutgeordneten Prinzenleben war der Kriegsausbruch 1914. Mit den sächsischen Truppen zieht der 18 jährige als Leutnant ins Feld. In dieser Periode begründet sich die traditionelle Abneigung der Wettiner gegen die preußischen Hohenzollern erneut. Der Prinz berichtet, wie sein Onkel Maximilian als Divisionspfarrer dem wild auf die Engländer schimpfenden Kaiser vorhält; "Das kann ich gar nicht verstehen, daß du so über die Engländer schimpfst, wo doch deine Mutter Engländerin war." Der prinzliche Geistliche wurde sofort seiner Stellung enthoben.

Die Revolution vom November 1918 fand Ernst Heinrich als Schwadronsführer tief in Rußland. Die Beschreibung des Rückzugs durch eine tausend Kilometer breite Wintereinöde, in der die deutsche Autorität nicht mehr und die bolschewistische noch nicht galt, ist lesenswert und, soweit es sich um die Zusammenstöße mit den deutschen Soldatenräten handelt, zum Lachen. Aus diesen Rencontres mit der spezifisch deutschen Art, Revolution zu machen, erklärt es sich vielleicht, daß Prinz Ernst Heinrich nach seiner Heimkehr Verbindung mit den Artigeren der Rechtsparteien und den Freikorps suchte. Während des Kapp-Putsches war er ein Zwischenträger von einem zum anderen der frondierenden Generale. 1923 geriet er in München in eine Gruppe, die es sich zur Aufgabe setzte, den bayerischen Kronprinzen Rupprecht, seinen Schwager, zum Reichsverweser zu machen. Auch war er einmal als Kandidat der Deutschen Volkspartei für den Reichstag im Gespräch und verhandelte darüber mit Stresemann.