Von François Bondy

Von Victor Hugo hat André Gide in einer berühmten Antwort auf eine Umfrage gesagt, er sei "leider" der größte französische Dichter – Hugo, hélas! Und Louis Aragon ging so weit, auch seine Lyrik hoch über Charles Baudelaire zu stellen – "eine Frage des Formats".

Gide meinte Victor Hugo als einzigartiges Totalphänomen der französischen Literatur – Dichtung, Theater, Romane, Aufzeichnungen, Briefe, Essays, politische Schriften, Reden, Schicksal, alles in einem, mit einer schon quantitativ ungeheuren Masse von Werk und Wirkung. Dagegen läßt sich so wenig sagen wie gegen die Ansicht, daß Napoleon, was immer man sonst von ihm denken mag, die größte Erscheinung in der französischen Geschichte war. Ein Vergleich, der um so eher zutrifft, als Hugo – Sohn eines napoleonischen Generals – ganz wie Chateaubriand und wie Balzac von der Erscheinung des Kaisers fasziniert blieb; ihr höchster Ehrgeiz war, Napoleons der Literatur zu werden.

Wenn sogar der originalste französische Theaterdichter, Jean Racine, niemals stark über Frankreich hinaus gewirkt hat, so gilt das auch – mit weniger Grund zu schmerzlichem Bedauern – für die Lyrik wie für die Dramen Victor Hugos. In Hugos ebenso worttrunkener wie kunstvoll formenreicher Lyrik, die vom Religiösen und Historischen zum Intimen und Familiären nichts ausließ, sind immer wieder neue Wunder zu entdecken – vom prunkvoll Ausladenden bis zum verblüffend Aphoristischen, verbunden mit sehr viel mehr Humor und Geist, als meist angenommen wird. Aber für sie gilt in besonderem Maße die bekannte Definition: Lyrik ist, was bei der Übersetzung verloren geht – während das für Baudelaire nicht ebenso gilt; es wird erlaubt sein, hier in Gegensatz zu Aragon anzumerken: eine Frage des Formats.

Victor Hugos Schauspiele bieten gelegentlich Anlaß zu reizvollen Inszenierungen ("Ruy Blas" oder "Lucréce Borgia"), und mit Ausnahme einiger grotesker Komödien ("Tausend Francs Belohnung", "Werden sie essen?"), Vorläufer des absurden Theaters, ist nichts dabei, was außerhalb Frankreichs nachzuholen wäre. Nur mit "Le rot s’amuse" reichte Victor Hugo über Frankreich hinaus, weil aus seinem Triboulet Rigoletto wurde.

Von der Prosa harren vor allem die Aufzeichnungen aus den Pariser Jahren des Glanzes vor dem Exil auf Entdeckung, die "Carnets", die "Choses vues". Hugo war ein großer, scharfsichtiger, witziger Chronist. Er war auf diesem Gebiet ein "magerer Schriftsteller", nicht ein mit vollen Backen trompetender Seher, sondern ein pointenreicher, schneller Beobachter. Von seiner großen Reiseschilderung "Der Rhein" ist ein gut übersetzter Auszug in einer doppelsprachichen Ausgabe greifbar – doch sind die Tuschzeichnungen, die er auf dieser Reise gemacht hat, ebenso reizvoll wie der Text.

Bleiben die Romane. Unter ihnen sind es nur zwei, deren Ruhm von Dauer war; beide haben Paris als Kollektivhelden: "Netre Dame de Paris" und "Les Mistrables". Von den anderen wäre ein später Roman um den Vendee-Aufstand zu nennen: "Dreiundneunzig", weil von ihm eine Vorzügliche Übersetzung neu verlegt wurde.