Man möchte meinen, der Literatur über die Unruhe der Studenten in der Bundesrepublik gebe es genug, und jedes jetzt noch auf den Markt gebrachte Buch komme zu spät. Dieses Buch jedoch kommt gerade noch zur rechten Zeit: es ist ein Teil des Wahlkampfes, und sein Autor kämpft auf der Seite der linken Sozialdemokratie mit. Jens Litten, Doktorand der Soziologie und Mitglied der SPD, hat seinen "Standpunkt" bewußt gewählt. Daher läßt sich die Position seiner Aussagen von der Leserseite der "Linken" her nicht als "kaschiert etabliert" oder als "heimlich vom Establishment integriert" katalogisieren. Die von Litten angegriffene "Außerparlamentarische Opposition" (Apo) und an ihrer Spitze der SDS werden unglaubwürdig, wenn sie des Autors gesellschaftlich-sozialen Standort als Grundlage der Kritik fixieren, anstatt sich mit seinen politischen Thesen unmittelbar auseinanderzusetzen.

Die Titelfrage nach der verpaßten Revolution, nach Gegenwart und Zukunft des SDS, beantwortet Günter Grass im Vorwort klipp und klar; er definiert sie als eine angelesene Revolution. Grass klassifiziert den "Aktionismus" der Linken, ihre Alles-oder-nichts-Ideologie mit Che Guevara als Pin up als einen Neo-Idealismus auf gutgedüngter Kleingartenerde. Er prophezeit das Scheitern jedes Revolutionsversuchs mangels revolutionärer Basis und Tradition. Sein konkreter Vorschlag an die intoleranten Linksradikalen: Weg mit der revolutionären Rhetorik – dafür politische Parteinahme, Evolution im Sinne von Pragmatismus. Grass plädiert für einen demokratischen Sozialismus, den er in der SPD angesiedelt sieht, insbesondere um Realisten wie Brandt und Heinemann. Die studentische Protestbewegung wird zugrunde gehen, wenn sie sich nicht endlich an der politischen Realität orientiert, anstatt die Stunde Null herbeizuflehen. Völlig unliterarisch, nicht einmal linksliterarisch verlangt Grass Unterstützung der SPD gegen die CDU, um einen Rückfall in den Kalten Krieg zu verhindern.

Litten verfolgt zeitlich die Stationen der Apo: die Bildung der Großen Koalition, den Besuch des Schahs, das Attentat auf Dutschke, die Osterdemonstrationen, die Diskussion um die Notstandsgesetzgebung und die SDS-Delegiertenkonferenz bis Ende 1968. Doch diese Ereignisse, über die es bereits exaktere Untersuchungen gibt, dienen Litten nur als goniometrische Punkte, von denen aus er das Terrain der Apo zu vermessen versucht. Als Aufgaben seines Buches definiert er selbst: einerseits den Widerspruch wahrzunehmen, der für eine demokratische Willensbildung notwendig ist, andererseits die mehr oder minder Unbeteiligten, die Irritierten aufzuklären. Das Konglomerat der Apo wird in drei Gruppen gespreizt: der SDS nebst Anhängseln – er drängt auf Zerschlagung des Parlamentarismus; die vorparlamentarische Opposition – sie strebt nach einer späteren Vertretung im Parlament; die Pressure-groups – sie bringen ihre Kritik außerhalb und an Stelle des Parlaments an.

Litten kennzeichnet die Apo als eine Opposition ohne Basis, ohne zusammenhängende Strategie und Taktik, als eine Bewegung, die in ihren politischen Hochschulgruppen undemokratische Infrastrukturen verfestigt, Eliten bildet und einen sprachlichen Argumentationsstil (Esoterik) entwickelt, der zwangsläufig zur Selbstisolation führen muß. Einer der schwersten Vorwürfe, den Litten der Apo wiederholt entgegenhält, ist ihr Mangel an Realitätskontrolle. Dieser Mangel, die "große Vereinfachung", die "Gegenwartsklitterung" zwingen die Apo dazu, "polarisierte Positionen" durchzusetzen ( Purismus) und jeden Kompromiß als "Schwäche oder Abwiegelei" abzulehnen; dies hat todsicher die Eindimensionalitat zur Folge. Ohne mit der Wimper zu zucken, charakterisiert Litten das Freund(Apo)-Feind(Establishment)-Schema der Linken als der Begriffswelt Carl Schmitts entliehen.

Bei der Untersuchung des Stellenwertes der Demonstration im politischen Prozeß erkennt Litten der Apo zu, was zweifelsohne ihr Verdienst war und ist: Sie hat viele Fehler einer wohlstandsgeschwängerten parlamentarischen Demokratie in der Bundesrepublik entlarvt. Die "punktuelle Provokation", die Inanspruchnahme eines legalen Radikalismus, beides hätte die Apo zu einem politischen Machtfaktor stabilisieren können. Aber die Lust an der reinen Provokation führte schließlich zu einer Ritualisierung, führte zum reinen Gegenterror ohne klare Erkenntnis des Risikos. Und hier setzt Litten die Grenze. An; der Belagerung der Springer-Häuser weist er unwiderleglich nach, wie theorielose Praxis scheitern muß.

Aus dem stärksten Kapitel (Hochschulkritik

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