Von Heinz Zahrndt

I.

Vor mir stapelt sich ein Haufen Bücher, theologische Neuerscheinungen. Ihre Titel: "Die Frage nach Gott" – "Gott ist tot?" – "Daß Gott tot sei" – "Gott ist nieht ganz tot" – "Atheistisch an Gott glauben" – "Atheismus im Christentum" ... Die Übereinstimmung der Titel ist frappant. Sie drücken alle denselben merkwürdigen Widerspruch aus: Sie reden alle, fragend, erwägend, behauptend, vom Tode Gottes – und reden doch alle weiterhin von Gott.

Solcher Widerspruch stiftet Verwirrung. Die Leute fragen sich: Was ist eigentlich in der Theologie los? Was sind das für seltsame Theologen, die den Tod Gottes behaupten und dennoch weiterhin von Gott reden? Und wenn diese Theologen recht haben sollten, was ist dann mit Gott los? Und manche geben darauf bereits zur Antwort: Mit Gott ist eben nichts mehr los, und eben darum ist in der Theologie so viel los – der Ausverkauf hat begonnen.

Aber es hilft nichts: Wann immer von Gott die Rede ist, hat die Situation ein Wort mitzureden. Und unsere Situation ist nun einmal durch einen

Dr. theol. Heinz Zahrndt, Mitglied der Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblattes", steht mitten in der aktuellen Diskussion derTheologen. "Die Sache mit Gott" und "Gespräch über Gott" heißen die Titel seiner Bücher (R. Piper Verlag, München), mit denen er, weit über den Kreis der Fachleute hinaus, Aufsehen und Nachdenken erregt hat. Es sind aufschlußreiche Werke für jeden, der sich mit der geradezu dramatischen Entwicklung der Theologie vertraut machen und seinen modernen Standort im Verhältnis zu Gott bestimmen will.

offenen oder verborgenen Atheismus bestimmt, der in allen, in Christen und Nichtchristen, vorhanden ist. Mag Nietzsches bekanntes Wort vom "Tode Gottes" inzwischen auch die Suggestion eines Schlagwortes erlangt haben, so gibt es doch die bestimmende religiöse Erfahrung unserer Zeit wieder. Diese besteht eben darin, daß viele Menschen, vielleicht sogar schon die meisten, keine Erfahrung mehr mit Gott machen. Selbst Christen fangen an zu stottern und zu stammeln, wenn sie nach ihren Erfahrungen mit Gott gefragt werden. Mag auch ihr Herz noch voll sein – ihr Mund geht ihnen nicht mehr über.