Warum war Dwight D. Eisenhower einer der wenigen Menschen dieses Jahrhunderts, die schon zu Lebzeiten fast allseitige Verehrung geflossen? Denen nur in ganz wenigen Ausnahmefällen Feindschaft, Polemik oder Haß entgegenschlug? Feldmarschall Montgomery, der alte britische Waffengefährte aus den Tagen der Schlacht um Europa, der die militärischen Führungseigenschaften Eisenhowers gewiß nicht allzu hoch schätzte, hat es mit einem Satz umrissen: "Wenn er einen anlächelte, war es unmöglich, ihm etwas abzuschlagen."

Das war der Ike, wie ihn die Amerikaner und schließlich die ganze Welt kannten, ein Mann, der keinen Mitmenschen verachtete, der keinen Groll weckte oder zeigte, der mit seiner moralischen Kraft mehr bewirkte als mit der Autorität des hohen Offiziers oder dem Genius des Staatsmannes. An das Gute glaubte er so fest, daß er auch seinen bedeutendsten geschichtlichen Auftrag, die Befreiung der von den Achsenmächten besetzten Länder, als einen Kreuzzug in Europa sah und so später schilderte.

Seine Landsleute sahen in ihm den Prototyp des Amerikaners. Er stieg aus kleinsten Verhältnissen zu seinen ruhmvollen Ämtern auf, ein unbekannter Kadett der Militärakademie von West Point, der eigentlich erst zur Marine hatte gehen wollen und in seiner Klasse von über 250 Schülern seines Jahrganges nur als 61. abschnitt. Schließlich befehligte er die mächtigsten Armeen, die eine Allianz jemals ins Feld geführt hatte. Sein Charisma wurzelte in einem hervorragenden Intellekt oder in monumentalen, heroischen militärischen Führungseigenschaften; es waren seine einfache Gradheit und überzeugende Herzlichkeit, die Fähigkeit zum Schlichten und zum Ausgleichen, die Eisenhower zum Leitbild seiner Epoche werden ließen.

Jedoch beruht seine Große nicht darauf, daß ihn der Zufall oder eine Kette glücklicher Fügungen auf seine Posten gestellt hätte. Die amerikanische Nation hat sich in ihm kein Ersatzmonument geschaffen; nichts ist abwegiger als das Wort vom "amerikanischen Hindenburg".

Ich habe beide Männer persönlich kennengelernt – Hindenburg als Reichspräsident, wie er seine alte, längst in ein Gymnasium umgewandelte Kadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde besuchte; Eisenhower auf seiner Farm in Gettysburg, am Rande des Schlachtfeldes, auf dem der amerikanische Bürgerkrieg entschieden wurde. Beide Männer waren verehrte Symbole ihrer Völker, doch welch ein Unterschied: hier der knorrige, an seine Tradition gebundene, geistig unbewegliche deutsche Feldmarschall, dem die Demokratie wesensfremd war, der seine Autorität brachliegen ließ und dem Zerfall des Weimarer Staates gleichgültig zusah und bei allem persönlichen Widerwillen gegen Hitler duldete, daß der Usurpator diesem Staat den Todesstoß versetzte; dort der zivile und urbane amerikanische General, der mit frischem und lebendigem Gedächtnis Episoden seines Lebensweges schilderte, die unerschöpfliche Fülle der Ereignisse in einer internationalen Gemeinschaft von Völkern wachrief und sich mit sehr persönlichem Interesse über die Chancen der republikanischen Präsidentschaftskandidaten äußerte – ein Mensch: von scharfem Urteil und wachem Verstand, der sich als einfacher Mitbürger seines Volkes begriff.

Die Kunst, Menschen zusammenzuführen, war das Geheimnis Eisenhowers. Sie bestimmte Roosevelt, den noch unbekannten Chef der Planabteilung des amerikanischen Generalstabes im Februar 1942 zum Kommandierenden General auf dem europäischen Kriegsschauplatz und, nach der Landung in Nordafrika, schließlich zum Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte im Westen zu ernennen. In England hatte Eisenhower die schwerste Entscheidung seiner Karriere zu treffen: bei zweifelhafter Wetterlage den Befehl zum Beginn jener Invasion vom 6. Juni 1944 die das Ende des Zweiten Weltkrieges in Sicht rückte. Eisenhower verfaßte in dieser Stunde ein Kommuniqué, in dem er für den Fall des Mißlingens die volle Verantwortung allein übernahm. Dies zeichnet ihn mehr aus als alle Orden.

Der Sieger war der erste General,’ der den Unterlegenen schließlich die Hand wieder entgegenstreckte – wenn auch noch nicht bei der bedingungslosen Kapitulation von Reims, in der Eisenhower barsch und kalt auftrat. Noch schmerzten die Wunden des Krieges, noch war das Grauen zu groß, das Eisenhower empfand, als er Gewißheit über die Konzentrationslager erlangte. Und noch wußte er nicht, daß er als Politiker einmal berufen sein würde, eine westliche Völkergemeinschaft zusammenzuführen, in der sich die Kriegskoalition mit den Feinden von gestern verband.