Eugène Ionesco höchstpersönlich schrieb die Geschichte, und wenn er sich dabei auch in keine großen geistigen Unkosten gestürzt hat, so versucht er löblicherweise doch immerhin des Kindes Gemüt dahingehend zu erhellen, daß Eltern nach einer durchschwoften Nacht müde sind und Anspruch darauf erheben dürfen, in Ruhe gelassen zu werden.

So klein sein erfinderischer Aufwand bei dem Unternehmen ist, so groß ist dafür der des Zeichners Etienne Delessert. Seine bunten Bilder, die stellenweise den Zusammenhang mit dem Text völlig verschmähen, vermitteln den Dreijährigen und Jüngeren, für die das Bilderbuch bestimmt ist, eine erste Bekanntschaft mit der Geschichte der manieristischen Malerei von Bosch bis heute. Eine Art Affe auf einem runden Betonturm hat überdimensionierte menschliche Ohren, auf einem anderen Turm hockt ein Insektenbiest à la Bosch, als direktes "Zitat" findet sich ein zum Luftballon beförderter "Wilder Kerl" von Sendak wieder, eine Frau ist ein Berg und gleichzeitig eine Erinnerung an das beliebte Motiv des babylonischen Turms, herausgelöste Augen starren oder werden auf Transparenten getragen. Eine Bereicherung des Repertoires stellen die Nashörner dar; nur dürften manche Dreijährigen, die sich im modernen Theater weniger gut auskennen, Mühe haben, die Anspielung zu verstehen; ebenso könnte ihnen entgehen, warum auf dem Ringfinger der Haushälterin, die stocknüchtern alle vorhergegangenen "Verrücktheiten" (die freilich eher Albernheiten sind) bekämpft, ein Konterfei von Descartes prangt.

öffnet solch ein Buch dem Kind neue phantastische Welten? Oder verwirrt oder überfordert es das Kind hoffnungslos? Oder wird seine Wirkung gerade darin bestehen, das Kind frühzeitig gegen surrealistische Schocks abzustumpfen? Darüber sind divergierende Meinungen möglich; nicht aber darüber, daß dieses Buch weniger auf das Kind als auf den Snobismus der Eltern spekuliert. (Eugène Ionesco: "Geschichte Nummer 1" – Für Kinder unter drei Jahren, Bilder von Etienne Delessert; Friedrich Middelhauve Verlag, Köln; 14,80 DM). Dieter E. Zimmer